«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Wiktorija Hasan

geb. 1997

Artur Hasan

geb. 1999

 

      Wiktorija und Artur haben sich mit einem Leben ohne Vater schon abgefunden. Ihre Eltern liessen sich scheiden. Seitdem wohnt der Vater von ihnen getrennt. Die einzige Ernährerin ist ihre Mutter Emma (geb.1969), die als Buchhalterin in einem Laden tätig ist. Emmas Verdienst ist die einzige vorhandene Einkommensquelle der Familie. Unter der Bedingung, dass alle drei Familienmitglieder seine Wohnung verlassen, half ihnen der Vater, ein altes brüchiges Haus zu kaufen, das aber renovierungsbedürftig und überhaupt nicht wohntauglich ist.
     Die aus der Schweiz überwiesenen Mittel haben die Jugendlichen für ihre aktuellen Bedürfnisse ausgegeben. Artur besorgte sich neue Sachen guter Qualität, Wiktorija deckte die mit der Schule verbundenen Ausgaben. Momentan lernt das Geschwisterpaar in der Fachschule: Artur wird Elektriker, Wiktorija Buchhalterin. Das gespendete Geld reichte auch für die Besorgung der Nahrungsmittel. Dafür äussern sie den Spendern grosse Dankbarkeit.

  


Leidensgeschichte einer zerbrochenen Familie

      Laut den aktuellen Forschungen ist jede fünfte Familie in der Ukraine auseinandergerissen. Die negative Statistik wird jedes Jahr immer dramatischer. Am schwersten fällt es mittellosen Familien mit nur einem Elternteil, die harte Probe des Schicksals durchzustehen. Die Familie Hasan ist in dieser Hinsicht leider auch so ein Fall. Seit der Vater seine Frau und Kinder verlassen hat, müssen die letzteren sich viel Mühe geben, um unter ihrem bitteren Los nicht zusammenzubrechen.

Wenn sich die Eltern trennen...

     Die lebensfrohen Geschwister Wiktorija und Artur Hasan wurden in einer gewöhnlichen ukrainischen Familie in der südukrainischen Stadt Nikolajew geboren. Immer noch ist bei ihnen die nachhaltige Erinnerung an die Zeiten wach, als ihre Eltern noch zusammen waren. Vor 5 Jahren ging aber das wunderschöne Märchen plötzlich zu Ende – die einmal glückliche Familie zerfiel nach der Scheidung trostlos.

Hilfloses Mädchen oder Hoffnung für die Zukunft?

     Wiktorija Hasan, geb. 1997, geht in die 11. Klasse. Nach dem Abschluss würde sie gern den Beruf ihrer Mutter erlernen. Doch um Buchhalterin zu werden, braucht sie noch einige Jahre Studium, was hohe Gebühren mit sich bringt. Auf Wiktorijas fragilen Schultern liegen all die belastenden Sorgen um den kleineren Bruder und den ganzen Haushalt, da ihre Mutter erst dann Hand anlegen kann, wenn sie nach der harten Arbeit heimkommt.

     Als Kind war Wiktorija ruhig und brav. Während ihr Bruder Artur gerne Sport trieb, begeisterte sie sich für Glasperlenstrickerei und Malen. In der Schule gewannen die Informatik und Mathematik ihre Aufmerksamkeit. In den meisten Disziplinen hat sie gute oder gar ausgezeichnete Noten. Sie träumt davon, Softwareentwicklung zu studieren. Das wäre für zukünftige Berufe bestimmt eine gute Wahl.

     Einer echten Freude des Zusammenseins von Mutter und Vater beraubt, wurde Wiktorija selbst nicht hartgesotten. In ihrer weichen Stimme klingen die Äusserungen eines tiefen seelischen Leidens und der grossen Liebe zu Mitmenschen an. Im Gegensatz zu anderen Teenagern hat Wiktorija immer Lust und Ausdauer, auf ihren Bruder und andere Kinder aufzupassen. Letztens erfüllte sie gerne die Bitte ihrer Tante und hütete freudig zwei Wochen lang die kleinen Cousins. Voller Mut und Lebenslust schaut das Mädchen in die Zukunft, von der sie hofft, dass das Wohl ihrer Familie nicht mehr von Geldmangel getrübt sein wird.

Wiktorija und Artur im Park,
Sommer 2001
Mutter Emma mit den Kindern, Sommer 2002, Nalchik, Russland

Sportlich heisst gesund

     Artur Hasan, geb. 1999, der Bruder von Wiktorija, ist ein sportlicher Junge. Er hat für sich eine gesunde Lebensweise gewählt und folgt seitdem fleissig deren Prinzipien. Rauchen und Alkoholkonsum kommen für ihn nicht in Frage.

     Mit verschiedenartigen körperlichen Aktivitäten hat er bereits viel erreicht – in seinem persönlichen kleinen Trophäenschrank glänzen schon ein paar Medaillen der gewonnenen Wettbewerbe. Boxen ist Arturs neuste Begeisterung. Dabei trainiere man nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, so Artur. Er ist stolz darauf, dass er von Tag zu Tag stärker und fähig wird, für seine Mutter und Schwester ein echter Beschützer zu sein.

     Bevor Artur beschloss, seine Freizeit völlig dem Boxen zu widmen, probierte er sich als Läufer, Schwimmer und sogar Ruderer. Schlussendlich hat er sich für die Boxtrainings entschieden. Sein Grossvater war seinerzeit auch ein guter Boxer, so ist Arturs Wahl nicht zufällig und irgendwie auch folgerichtig. In seiner Gewichts- und Alterskategorie kämpfte er sich zu den Besten seiner Region hoch. Davon zeugen die zahlreichen Auszeichnungen sowie die Teilnahme am nationalen Wettkampf. Zwar fiel dort die Richterentscheidung ziemlich ungerecht aus, weil Artur im Schlusskampf seinem Gegner keinesfalls nachstand, aber leider kommen im Sport die Resultate nicht immer objektiv zu Stande. Doch ungeachtet dessen gibt der Junge nicht auf. Er trainiert dreimal pro Woche bis zur totalen Erschöpfung, denn er weiss, dass dies der einzige mögliche Weg zum nachhaltigen Erfolg ist.

     Obwohl seine Schulleistungen etwas unter den sportlichen Aktivitäten leiden, hält es Artur für nötig, einen guten Abschluss in der Bildung zu machen. Dabei braucht er nicht mehr so lange Zeit wie seine Schwester über den Büchern zu sitzen und den für ihn nicht gerade kurzweiligen Unterrichtsstunden beizuwohnen – in der Ukraine ist der Schulbesuch nach der 9. Klasse nicht mehr obligatorisch. Das ständige Pauken würde er gern für irgendeinen Job aufgeben, um mit einem wenn auch winzigen Einkommen zum Familienbudget beitragen zu können, auch wenn dann für sein Lieblingshobby weniger Zeit übrig bliebe.

Das neue Haus – neue Probleme...

     In der Wohnung des Vaters blieb für die Mutter und Geschwister Hasan nach der Scheidung kein Platz mehr. Das Haus, wohin die Kinder zusammen mit der Mutter neulich umgezogen sind, ist praktisch wohnuntauglich und erfordert eine gründliche Renovierung. Die Aussichten auf ein warmes Zuhause während des kommenden Winters sind zurzeit nicht gerade gut. Der Vater jobbt im Moment in Russland. Seine finanzielle Unterstützung erreicht die Familie zwar immer wieder, doch sie ist höchst unzureichend, um alle nötigen Ausgaben zu decken.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

     Arthur und Wiktorija Hasan sind keinesfalls Teil einer verlorenen Generation. Das grosse Interesse am weiteren Schicksal ihrer Familie entsteht beim Gespräch mit ihnen ganz natürlich. Die Geschwister geben sich aber keinen Illusionen hin – die Wiedervereinigung der zerbrochenen Familie scheint den Jugendlichen unmöglich. Nur die verstaubten Fotos, die seit Jahren unberührt im Bildband liegen, ermöglichen ihnen eine imaginäre Reise in die ferne, vom Glück erfüllte Vergangenheit.

     Die Mitarbeiter der SOS GERASJUTA STIFTUNG machen sich grosse Sorgen um die Familie Hasan und bemühen sich, sie nicht im Stich zu lassen. Ob es Artur und Wiktorija gelingen wird, das Glück und eine akzeptable materielle Lage im kleinen Familienkreis zurückzugewinnen, hängt vor allem davon ab, wie teilnehmend und mitfühlend wir uns dieser armen Familie gegenüber zeigen, liebe Leserinnen und Leser!

Glückliche Geschwister im 2002 Familie Hasan im baufälligen Haus,
Sommer 2013