«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Leonid Fedotow,

geb. 1974

und Sohn Jaroslaw,

geb. 2003

 Leonids Sohn Jaroslaw wurde Opfer eines schrecklichen Autounfalls, in den auch sein älterer Bruder Artem (geb. 1997), seine Mutter Natalia (geb. 1977) und seine Grossmutter Galina (geb. 1952) involviert waren. Artem verlor die Gewalt über seinen Wagen, geriet auf die Gegenspur und prallte in einen entgegenkommenden LKW. Natalia und Galina verstarben noch am Unfallort, Artem ist auf dem Weg in die Notaufnahme gestorben. Jaroslaw erlitt eine Lungenquetschung, ein Schädel-Hirn-Trauma sowie diverse Brüche am Schädel und an den Schenkel- und Schulterknochen. Seit dem Verkehrsunfall liegt der Junge im Koma. Dank der Hilfe der Schweizer Wohltäter konnte die Familie eine kostspielige Rehabilitation bezahlen, die den Gesundheitszustand des Jungen wesentlich verbesserte. Er kann sich jetzt nach allen Seiten umschauen, auf Laute reagieren, die Arme und den Hals bewegen, aber aus seiner Bewusstlosigkeit ist er immer noch nicht aufgewacht.
 Anfang Sommer 2016 wurde Jaroslaw aus dem Krankenhaus entlassen. Jetzt macht Leonids Lebenspartnerin Larissa (geb. 1961) selbständig alle notwendigen Prozeduren für Jaroslaw zu Hause. Dafür kaufte Leonid ein medizinisches Bett und ein Atem- und Inhalationsgerät. Aus dem Spendengeld wurde auch spezielle, ausgewogene Ernährung für Jaroslaw besorgt. Die Familie ist für die Rettung und Unterstützung ihres Sohnes unermesslich dankbar.

       

 




Kann es überhaupt noch etwas Schlimmeres geben?

   Öfters kommt es vor, dass professionelle Tätigkeit in grossem Masse Charakter der Menschen ausprägen kann. Beispielweise sind keine praktizierenden Ärzte blutscheu, die Ordnungskräfte werden wegen der Delikte und manchmal grausamer Straftaten nicht so schnell aus dem Gleichgewicht gebracht. Was uns, Sozialarbeiter anbetrifft, spielen sich täglich vor unseren Augen mehrere dramatische Schicksale ab. Reiche berufliche Erfahrung lässt uns aber dadurch nicht aus der Fassung geraten. Doch um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, müssen wir eingestehen, es gebe die Fälle, die auch die Profis sprachlos machen. Um dies zu konkretisieren, im Rahmen der Kinderaktion veranschaulichen wir Ihnen, liebe Spenderinnen und Spender, letzte Ereignisse aus dem Leben von Leonid Fedotow. Obwohl jeder aus unserem Team mehr oder weniger guter Psychologe ist, mangelte uns beim Gespräch mit diesem armen Mann immer wieder an Worten. Denken Sie mal bitte an! An einem Tag wurde er völlig vom Unglück zerquetscht: Es sind im Autounfall seine Frau, der Sohn und die Schwiegermutter gestorben. Es blieb am Leben nur sein jüngerer Sohn namens Jaroslaw (geb. 2003), der im Wagen mitsass. Vor der Tür der Intensivstation, wo das Kind mit schrecklichen Traumas im Koma liegt, verlief unser emotionell nicht mal leichter Dialog mit Leonid…

Fröhlicher Schulanfänger Jaroslaw, 1 September 2009

   Um Leonid nur ein wenig von seiner düsteren Stimmung abzulenken, fragten wir ihn nach seinem Werdegang, der Arbeit, der Familie und den Beziehungen mit den Angehörigen. Für eine Weile liess seine atemlose Spannung nach. Der Mann erzählte uns von seiner vor kurzem gestorbenen Familie in der Gegenwartsform. All seine Gedanken beschäftigt gerade das Überleben Jaroslaws und wegen dem Stress begreift Leonid noch nicht, dass seine nächsten Leute ihn unwiderruflich und für immer verlassen haben.
   Von seinem Beruf ist Leonid Polizeiinspektor. In der Mitte 90-er fühlte sich der Mann genug erwachsen und verantwortlich, um eigene Familie zu gründen. Seine um drei Jahre jüngere Frau Natalia (1977-2016) entsprach all seinen Erwartungen. Nach dem meistens anstrengenden Arbeitstag wartete auf Leonid immer seine sanftmütige Frau. Sein Glück wurde mit der Geburt des Sohnes Artem (1997-2016) gekrönt. Mehr wünschte sich der frischgebackene Vater nicht. Sieben Jahre später, 2003, schenkte Herrgott dem Ehepaar noch einen Sohn. Er bekam einen alten slawischen Namen Jaroslaw. Leonid musste viel arbeiten, war öfters bis spät auf der Arbeit. Man kann nicht sagen, dass die Familie wohlhabend war, doch es fehlte nie eine ausgewogene Nahrung und wurden immer wichtigste Bedürfnisse befriedigt. Die Frage, warum einmal glückliche Familien scheitern und wohin die Liebe verschwindet, haben sogar die Philosophen nur mühsam zu beantworten. Wie auch immer es sein mag, traf das Paar die Entscheidung, sich zu trennen. Eine Weile später zog sich der Mann mit einer anderen Frau zusammen. Doch nach wie vor war Leonid in der Sache der Kindererziehung und ihrer Versorgung beteiligt. Die Söhne respektierten den manchmal strengen aber so liebenden Papa in der Polizeiuniform, der immer auf der Wache des Wohlergehens seiner Liebsten da war.

Jaroslaw auf dem Fest im Kindergarten, 2007

   Auch wenn dieses Thema so wie ein zweischneidiges Schwert für Leonids Seele ist, mussten wir sie redescheu ins Gespräch bringen. Wir baten ihn, uns von jenem Tag, der drei Seelen entnommen hat, ausführlich zu erzählen. Leonids leichtes Lächeln, das bei den Erinnerungen an die Kinder auf den Lippen schwebte, verschwand im Handumdrehen und der Mann runzelte schmerzhaft die Stirn.
   Der Mann war auf der Arbeit, als eine unbekannte Nummer ihn per Handy anrief. Nur ein paar Sätze vom Gesprächspartner konnte er ruhig hören. Und dann die Panik, Schreien und immer wieder wiederholte er: „Gibt es doch gar nicht! Sie haben was verwechselt! Es ist sicher ein Fehler!“ Leise und geduldige Stimme des Verkehrspolizisten sagte immer wieder das Gleiche: „Herr Fedotow, es tut mir sehr Leid! Ihr Sohn verlor die Gewalt über seinen Wagen und fuhr auf die Gegenspur. Der Prall mit dem entgegenfahrenden LKW war unvermeidlich. Ihre Ex-Frau und die Schwiegermutter sind an der Stelle tot. Artem ist unterwegs zur Klinik gestorben. Im äusserst schweren Zustand bleibt jetzt ihr zweiter Sohn Jaroslaw. Kommen Sie bitte in die Intensivstationabteilung der Stadtklinik unter der Adresse… Sie müssen jetzt da sein.“ Leonid atmete laut auf und, um nicht zu weinen, ballte die Hände in die Fäuste.

Jaroslaw beendete Grundschule, Mai 2013

   Im Spital rannte er zum Arzt, und es überfüllte ihn die Hoffnung, dass er sagt, es sei ein fremdes Kind und mit seinen Verwandten, deren Handys bereits aus waren, sei alles in Ordnung. Doktors Gesichtsausdruck verriet aber den Gegensatz. Leonid durfte für eine Weile zum Sohn. Sein Kopf war stark verletzt, das Kind war bewusstlos. Die Gefühle der Eltern in solchen Momenten lassen sich mit den Worten nicht beschreiben. Jaroslaw bekam Schädel-Hirn-Trauma, die Brüche der Schädelknochen, wegen dem Gehirnödem wurde ihm osteoplastische Trepanation gemacht. Er fiel ins Koma. Am nächsten Tag, vom Kummer ausgebrannt, geleitete Leonid zur letzten Ruhe seinen älteren Sohn Artem, die Ex-Frau und ihre Mutter. Ohne sich Pause zu gönnen, eilte er ins Krankenhaus. Alle seine bescheidenen Ersparnisse und Hilfe der Freunde und Bekannten genügten für Jaroslaws Notoperation und die ersten Tage auf der Intensivstation. Der Körper des Kinds muss rund um die Uhr durch die Lösungen und Apparate unterstützt werden. Das Wichtigste ist es jetzt, Ödem zu behandeln und das Opfer aus dem Koma zu holen. Es herrscht die Not an teuren lebenserhaltenden Medikamenten für Jaroslaw. Sein Vater steht materiell vor dem Nichts. Wir glauben, den Verlust seines letzten Sohnes könnte der Mann nicht ertragen. Es würde für ihn den letzten vernichtenden Schlag bedeuten.

Leonid Fedotow am Krankenbett Jaroslaws, vor wenigen Tagen

  Wir haben versucht, die Titelfrage unseres Artikels selber zu beantworten. Erfolglos. In dieser Situation kann man sich dem armen Herrn Fedotow aus dem ganzen Herzen mitleidig zeigen und den Gott innig zu bitten, ihm ausreichend Kraft und Geduld zu geben. Drei seinen verstorbenen Verwandten könnten wir keinerlei helfen, Jaroslaw aber schon! Lassen wir, liebe Wohltäterinnen und Wohltäter, Leonids letzen Hoffnungsanker an das Überleben seines Sohns nicht zusammenbrechen!