«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Anna Kusmenko,

geb. 1999

 

   Im Spätherbst 2016 wurde bei Anna das Hodgkin-Lymphom (ein bösartiger Tumor des Lymphsystems) diagnostiziert. Seitdem musste das Mädchen das Studium an einer Fachschule unterbrechen und für die langwierige Behandlung in die Klinik gehen. Anna wurden acht Chemotherapie-Blöcke verschrieben. Vier davon hatte sie schon hinter sich, die restlichen musste sie aus der eigenen Tasche bezahlen. Anna wird von ihren betagten Grosseltern Mira (geb. 1936) und Witalij (geb. 1939) aufgezogen. Die Rentner hatten sehr guten Willen, waren aber nicht in der Lage, mit ihren nichtigen Renten die kostspielige Behandlung der Enkeltochter zu finanzieren. Ausserdem erlitt ihr Grossvater eine Herzattacke, deswegen brauchte er eine medikamentöse Behandlung. Anna bat die Wohltäter aus der Schweiz um die lebensrettende Spende für die erforderliche Krebstherapie.
Dank den gespendeten Mitteln aus der Schweiz wurden die restlichen vier Blöcke der Chemotherapie und eine Untersuchung in der Hauptstadt durchgeführt, die zeigte, dass es keine Krebszellen in ihrem Körper mehr gibt. Anna ist für ihre Genesung und Hilfe für den kranken Opa äusserst dankbar.



   






Wenn jeder Tag der letzte zu sein droht

   Von 24 Regionen der Ukraine nimmt die von Nikolajew seit den letzten Jahren leider den ersten Platz unter den Krebskranken ein. Und mit jedem Tag wächst die Anzahl der Leute, bei denen diese Diagnose festgestellt wird. Es ist ein grosses Drama nicht nur für Patienten, sondern für seine Familie, Freunde, Kollegen. Alle verstehen, wie schwer es ist, diese Erkrankung zu besiegen und vereinigen ihre gemeinsamen Bemühungen, um im Kampf gegen so ein bedrohliches Unheil in geeinter Front zu marschieren. Und es ist ja so peinlich, wenn der Krebskranke ein pubertäres Kind ist, das ausser hoch betagten mittellosen Grosseltern von nirgendwo sonst Trost und Unterstützung findet. Die Geschichte von Anna Kusmenko (geb. 1999) ist in diesem Kontext genau der Fall. Und die möchten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser offenbaren.

   „Herzlich willkommen in meinem zweiten Zuhause!“ etwa verlegen lächelnd lädt uns Anna in ihr Krankenzimmer ein. Das Erste, was auffällt, sind weisse Wände, zwei nebeneinander stehende Betten und ein Tropfenzähler, über den die krebshemmende Lösung in ihren Körper transportiert wird. Es riecht nach Medikamenten und beim Einblick eines blassen erschöpften kahlköpfigen Mädchens will man auch als Gast hier nicht lange bleiben. Betagte Frau, Annas Grossmutter Mira (bald 81 J.a.), bedankte sich freundlich für den Besuch. Im Oktober 2016 musste Anna in die Klinik – bei ihr wurde das Hodgkin-Lymphom diagnostiziert. Der Tumor des Lymphsystems erwies sich als bösartig und verschriebene Behandlung musste auf Dauer sein – mindestens acht Blocks der Chemotherapie.


Anna mit den Grosseltern zum ersten Mal am Meer, 2007


   „Anna ist so brav! Sie ist ein grosses Vorbild für viele Patienten hier! Nicht jeder Erwachsene besitzt so viel innere Kraft und so einen starken Willen wie dieses liebeswürdige Mädchen“, sagt stolz die Oma und gibt der Enkelin einen zärtlichen Kuss. Um Annas Aufmerksamkeit nicht sofort auf die Krankheit und negative Ereignisse ihres jungen Lebens zu fokussieren, gingen wir als erstes das Thema ihrer frühen Kindheit und der Familie ein.
   So ergab es sich im Schicksal des Mädchens, dass die Grossmutter seine wichtigste Bezugsperson ist. Anna hat keinen Vater, über die Mutter redet sie wenig und ungern. Das Einzige, was wir erfahren konnten, ist es, dass die Frau nicht arbeitet und die Tochter von Zeit zu Zeit besucht. So muss die alte Oma bei der Enkelin rund um die Uhr sein. Und mit ihr sind die glücklichsten und unvergesslichsten Momente von Annas Vergangenheit verbunden. Erstmal zufrieden lächelnd erinnerte sie sich, wie schön es war, etwa vor zehn Jahren erstes Mal im Leben ans Meer zu gehen. Die Oma vermittelte Anna die Liebe zu Musik und Literatur. Es sei Frau Mira zu verdanken, dass die Enkelin die Musikschule mit dem Hauptfach Klavier beendet hat und echte Vorliebe zum Gedichtverfassen hat. Und das ist nicht alles. Aus grossem Respekt vor den Grosseltern traf Anna mit 16 Jahren die Entscheidung, den Beruf der Friseuse zu beherrschen und damit das Geld zu verdienen. Ihren Fleiss und erstaunliche innere Reife argumentierte uns Anna selbst klar und deutlich: „Wissen Sie, Oma und Opa werden mit jedem Jahr älter. Dementsprechend schwächer wird ihre Gesundheit. Vor zwei Jahren überstand Opa Herzinfarkt und seitdem ist er nicht mehr der Stärkste. Auch Oma ist Hypertonikerin. Wer ausser mir bietet ihnen hilfsbereite Hand, wenn sie pflegebedürftig werden?“


Anna wird eingeschult, 1 September, 2005

Anna wird auf einmal enttäuscht, wenn wir auf das Thema Krebs eingehen. Wie es aus ihren Worten folgt, tut ihr am meisten Weh nicht die bedrohliche Diagnose, sondern der Gedanke, dass sie ohnehin arme Grosseltern überfordern muss. Besonders jetzt, wenn der Arzt sie aufforderte, für die nächsten vier Blocks der Chemo aus eigener Tasche Geld aufzubringen. Für zwei Rentner mit Altersstörungen ist die Summe mit mehreren Nulls so gut wie untragbar.

Schon später verriet uns weise Frau Mira, wie schwer es ihr manchmal fällt, positive Denkweise der Enkelin einzustellen. Sie hält Anna zukunftsorientiert, redet mit dem Mädchen oft und gerne über das unterbrochene Studium an der Fachschule, welches es unbedingt beenden soll, über die Pläne auf kommenden Sommer und Vieles mehr. „Wenn man aufhört zu kämpfen und wird verzweifelt, hat man schon verloren“, so Frau Mira. Solange es in ihren Kräften liegt, bewahrt die Frau die Enkeltochter von strengen Realien, die sich ausgerechnet auf ihre schmalen Schultern lasteten. Anna ist aber kein kleines Mädchen mehr, von dem es so leicht ist, etwas zu verheimlichen. Sie versteht ganz gut wahre Sachlage und die Möglichkeiten ihrer Grosseltern.
   Um ihr Bewusstsein von so schwieriger Lebensprobe abzuwenden, lässt Anna erfreulichen Gedanken freien Lauf geben. So stammen aus der Feder einer jungen Dichterin mehrere Gedichte zum Thema Liebe, Natur, Freundschaft. Und in jeder Zeile spürt man reine und romantische und etwa naive Seele der Autorin. Und es gibt noch eines, was Anna, wie sie sich äussert, in moralischer Topform hält – Musik! Zwischen den Chemoblocks und wenn es ihr gesundheitlich gut geht, klingen die Melodien der Lieder von Annas Lieblingssängern. Sich im Takt der lyrischen Musik zu bewegen tut dem Mädchen sehr gut. Seine erschöpfte Seele kriegt danach einen Hauch des Glaubens an das Bessere, genau so wie eine welkende Blume in der Dürre Wasser beim segenbringenden Regen. In einer so schwierigen Situation steckend, findet Anna auch Kraft, den anderen krebskranken Patienten ihrer Abteilung Mut zu machen. Und jeder von ihnen glaubt fest ihrem „Es wird besser, wirst du selber sehen!“, auch wenn das Leben dabei andere Regeln diktiert.


Anna am Tag des Schulabschlusses, 2016

   Leider zählt der Krebs zu den Erkrankungen, die nicht alleine von der perfekten Einstellung und felsenfesten Glauben an das Bessere geheilt werden können. In Annas Fall ist halbe Strecke schon durch, und davon, wie rechtzeitig und pünktlich die zweite geschafft wird, hängt weitere Existenz unserer jungen Optimistin ab. In dieser ungerechten Welt, wo die Schwachen und Kranken zu den Outsidern werden, wären Annas Chancen auf glückliche Zukunft ohne unsere Zuwendung, liebe Wohltäterinnen und Wohltäter, leider vergeblich. Lassen wir bitte all unsere gemeinsame Mitleid und Anteilnahme an Annas Lebensrettung lenken!


Im harten Kampf gegen Krebs wird Anna von der Oma getröstet, heute