«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Maria Rusanowa

geb. 2005

    Maria und ihre Mutter Oxana (geb. 1977) sind Flüchtlinge aus dem Donezker Gebiet. Der Krieg im Osten der Ukraine trennte sie von ihren Verwandten und nahm ihnen ihr Heim. Seit 2014 lebt die Familie in der Stadt Cherson, wo Maria seitdem in die Schule geht. Das Mädchen lernte gern und bekam immer ausgezeichnete Noten. Man sollte glauben, nach den Schrecken des Krieges müssten endlich Wohl und Ruhe in der zweiköpfigen Familie herrschen. Aber während des Heimgangs nach der Schule stolperte das Mädchen und fiel unglücklich hin. Als Folge musste das Kind mehrere Wochen mit der Diagnose “Doppelunterschenkelbruch mit Verschiebung“ im Krankenhaus verbringen. Die bescheidene Sozialhilfe für Flüchtlinge reichte für die notwendigen Medikamente für Marias Genesung nicht aus, weil der grösste Teil davon für die Miete ausgegeben wird.
   Mit dem Beistand der Schweizer Wohltäter konnte die Familie alle notwendigen Medikamente besorgen. Dank der rechtzeitigen Behandlung wuchs der Knochen zusammen. Mit der Unterstützung der Spender liess sich Maria auch erfolgreich einer Rehabilitation unterziehen und kann sich ohne Schmerzen bewegen. Oxana und Maria bedanken sich bei den gnädigen Schweizern.

     


   “Alle grossen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran.“ Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, aus dem „Kleinen Prinzen“.

Im Rahmen der Kinderaktion verfasst

 

Seelisch und körperlich verletzt

 

Was kann für einen Menschen überhaupt schlimmer sein? Besonders wenn es sich um ein 11-jähriges Mädchen handelt? Und dazu noch um das einzige Kind seiner Mutter?

Schuljahr 2014, Maria mit einem Mitschüler

   Chersoner Kinderregionalspital, Abteilung Traumatologie. Ein gewöhnliches Krankenzimmer, von welchen es hier mehrere gibt. Ein nach einer schweren Beinverletzung mit Extensionsystem im Bett liegendes Mädchen erhebt nicht einmal sein Haupt, als wir hereinkommen. Es ist sehr beschäftigt und seine ganze Aufmerksamkeit ist ganz und gar auf seine Zeichnung gerichtet. Man sieht nur, wie sich dabei schnell seine Hand bewegt. Bald schon ist das Kind mit dem Bild fertig und als Erstes zeigt es uns seine Zeichnung und sagt erst danach, wie es heisst – Maria.
   Maria Rusanowa (geb. 2005), die mit ihrer Mutter Oxana vor drei Jahren ihre Heimatstadt Gorlowka, welche in der Region Donezk liegt, verlassen musste, erinnert sich deutlich an die Kriegsgeschehnisse jener Periode. Das Erlebte bringt sie aufs Papier, das alles “durchstehen” kann, im Unterschied zur zarten Kinderseele.
   Beim Betrachten des Bildes freuen wir uns alle: Helle Sonne, Blumen… Das gemalte Bild wurde beschriftet: “Wie sieht mein Glück aus?” Aus der daneben liegenden Packung von Filzstiften (schauen Sie auf das Foto) nahm sie meistens die bunten Farben. Dies alles löste bei der Mutter Erleichterung aus, denn sie kennt wie niemand Marias Skizzen aus den Kriegszeiten – Schüsse, getroffene Häuser, erschrockene Leute, aufgerissene Erde. Und die von Bild zu Bild wiederholte Überschrift “Mir ist bange”.
   “Ich hatte Angst um mein Kind und musste aus der okkupierten Zone fliehen und das Leben an einem fremden Ort neu beginnen”, erzählt uns Oxana. Dort, in Gorlowka, ist nur ihre pensionierte Mutter, die im zweiten Grad invalid ist, zurückgeblieben. Sie will nicht weg. Der Zufluchtsort von Familie Rusanowa wurde die Stadt Cherson im Süden der Ukraine. Eine Bekannte gewährte fürs Erste Obdach, danach musste Oxana mit der Tochter ausziehen und ein Häuschen mieten. Oxana, die bei der Ticketkontrolle beim Strassenverkehr arbeitete, konnte in Cherson nur in einem Fleischladen eine Arbeitsstelle finden. Sie hat sich daran, als Flüchtling zu gelten, fast schon gewöhnt. Vorerst halfen grosszügige Mitarbeiter: Irgendeiner gab Geschirr, ein anderer Bettwäsche. In der neuen Schule schloss die kontaktfreudige Maria sehr schnell Freundschaften mit den hiesigen Schulkindern.

   

Kindertraum – Maria denkt, sie sei ein Modell, 2016

   Oxana war am Arbeiten, als jemand von Marias Mitschülern anrief und ihr eine trübe Nachricht über ihre Tochter mitteilte. Das Mädchen selbst traute sich am Anfang nicht, mit Mama zu telefonieren, denn es wollte ihre liebe Mutter auf keinen Fall traurig machen...
   Maria kehrte von der Schule nach Hause zurück und traf Freunde. Sie beschlossen, eine Weile zusammen zu spielen. Wie alle Kinder hüpften sie, rannten, Maria geriet dabei ins Stolpern und fiel auf den Boden. Ein starker Schmerz durchdrang ihren Körper und sie konnte nicht mehr aufstehen. Am Abend wurde sie ins Kinderregionalspital eingeliefert. Nach den ersten ergriffenen Notmassnahmen wurde eine Schiene in das verletzte Bein eingelegt. Die Diagnose – doppelte Fraktur des linken Unterschenkels mit Verschiebung – fesselte die ausgezeichnete Schülerin ans Bett. Die Lehrbücher in Mathe und Englisch, Marias Lieblingsfächer, wurden ihr später von der Mutter gebracht. Vor den plagenden Schmerzen rettet Maria die Malerei. Das Talent dazu hat sie von niemandem geerbt. Im privaten Gespräch gesteht sie, dass sie gerne die Kunstschule besuchen möchte. Und erwähnt auch ihre anderen Kinderträume – ein Modell zu sein und tanzen zu dürfen. Ja, noch richtig versteht das Kind die Realität ihres und der Mutter von Armut geprägten Lebens nicht. Und man will sie auf keinen Fall enttäuschen, weil so viel Hoffnung in den Augen dieses liebevollen und reizenden Kindes glimmt. Seine Hauptaufgabe ist es jetzt gesund zu werden, und die Mutter hat die Sorge, alle nötigen Medikamente und Prozeduren zu bezahlen, die medizinischen Waren wie zum Beispiel Krücken zu besorgen und die Mittel für die Regenerationskur aufzubringen.

   

Die Lieblingsbeschäftigung im Spital – Malen, neulich


   Die Mutter zieht ihre Tochter alleine gross. Vom Vater, der als Fahrer tätig war, ist sie schon längst geschieden. Den Grund der Scheidung wollte sie nicht präzisieren. „Wir hatten mit ihm seit langem so gar nichts mehr gemeinsam“, war die Antwort. Ihr eheliches Leben mit ihm lässt sie in der weiten Vergangenheit zurück. Und dort, in Gorlowka, liess sie auch alles, was sie und Maria an das frühere Leben erinnern konnte. Alle alten Fotos bis zum Jahr 2014 sind im okkupierten Gorlowka geblieben (für das Heft, wie Sie bemerkt haben, wurden nur Bilder nach dem Jahr 2014 ausgewählt). Die Familie versucht aufs Neue, das Leben voll auszukosten. Der heutige Besuch von uns, Mitarbeitern der SOS GERASJUTA Stiftung, wird sicherlich positive Änderungen für die Familie von Oxana Rusanowa bringen. Und die nachfolgende Visite von Marias Mitschülern (auf dem Bild), die öfter vorbeikommen, um Maria aufzumuntern, und das danach geschossenes Foto, das bestimmt gut in Marias Album passen wird, werden sie immer daran erinnern, dass die wahre Freundschaft doch existiert. Und dass es vielleicht menschliche Anteilnahme gibt – unsere und Ihre, treue Spenderinnen und Spender aus der Schweiz!

   

Schulkollegen besuchen Maria, Kinderspital 2017

   Liebe Gönnerinnen und Gönner, Oxana Rusanowa pflegt jetzt ihre Tochter und ist folglich arbeitslos geworden. Erst wenn Maria aus dem Krankenhaus entlassen wird, kann sie sich wieder auf Arbeitssuche begeben. Flüchtling im eigenen Land zu sein – so etwas wünscht man nicht einmal dem ärgsten Feind. Wollen wir der verletzten Maria helfen und anlässlich jetziger Kinderaktion, den Kranken und Hilfslosen Halt bietend, den Lebensstandard der Flüchtlingsfamilie von Oxana Rusanowa ein bisschen verbessern!