«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Swetlana Shykunowa,

geb. 1988

Sohn Denis,

geb. 2011

   Früher hatte Swetlanas Familie ein ganz ruhiges Leben. Ihr Mann Aleksej arbeitete als Fahrer, Swetlana als Köchin im Kindergarten. Das Paar zieht zwei Söhne - Danil und Denis - auf. Eines Tages wurde es Denis schlecht, er bekam Fieber und die besorgten Eltern brachten ihn unverzüglich zum Arzt, der bei ihm eine Erkältung diagnostizierte. Einige Tage gaben die Eltern dem Sohn die Medikamente, die keine gute Wirkung auf seinen Körper ausübten. Nachdem es dem Kind nicht besser wurde, ging Swetlana in eine andere Klinik. Dort sagte der Arzt, dass der Grund in der Störung des Verdauungsprozesses liege. Dem Kind wurden Proben entnommen. Erst in diesem Moment wurde die Ursache für die Beschwerden des Kindes diagnostiziert. Sein Appendix war seit einigen Tagen geplatzt und es wurde seinem Körper massiver Schaden zugefügt. Erbrechen, Intensivstation, Notoperation und die endgültige Diagnose: Bauchfellentzündung. Schmerzstillende Mittel, Antibiotika und eine Infusionstherapie wären jetzt eine echte Rettung für Denis. Die geringen Löhne der Eltern sind im Vergleich zu den verblüffend hohen Preisen der Präparate miserabel.
   Swetlana bittet die Spender um Hilfe bei der Rettung ihres Sohns.

   

 






Verhängnisvolle Folgen ärztlicher Fahrlässigkeit

   Es wurden eine unnötige Operation durchgeführt, falsche Medikamente verschrieben, eine inkorrekte Diagnose gestellt und ein gesundes Organ herausoperiert… Nicht wenige von uns kennen solche Geschichten entweder aus eigener Erfahrung oder von Freunden oder Verwandten. Gemäss Statistik verlieren täglich mindestens fünf bis sieben Patienten in der Ukraine durch ärztliche Fehler ihr Leben. Zusätzlich tritt bei ca. 25-30 Menschen, die ambulante Hilfe in Anspruch genommen haben, eine bleibende Behinderung auf. In der medizinischen Praxis gibt es Fälle, die kaum zu glauben sind. Dabei irren sich sogar die hochqualifiziertesten Fachleute in teuren Privatkliniken. Ein menschlicher Fehler kann in jedem Beruf Unheil bringen – von Piloten bis zu Krankenpflegerinnen. Auf eine Flugreise kann man aus Angst verzichten, aber es ist kaum möglich, immer gesund zu bleiben. Auf eine derartige betrübliche Geschichte sind die Mitarbeiter der SOS GERASJUTA Stiftung gestossen. Dieser Artikel hilft aufzuklären, wie das Leben des fünfjährigen Denis Shykunow wegen der Fahrlässigkeit der Ärzte beziehungsweise einer tragischen Verkettung von Umständen in schreckliche Gefahr kam.

Sergej holt seine Frau und seinen neugeborenen Sohn Denis aus dem Geburtshaus ab, Dezember 2011



   Das Schicksal war den einfachen Dorfbewohnern Aleksej (geb. 1982) und Swetlana (geb. 1988) nie besonders gut gesinnt. Nichts fiel ihnen zu, jede geringste Anschaffung musste schwer verdient werden. Das Verantwortungsgefühl für die Familie verlässt den Familienvater keine Sekunde, darum machte er sich immer an jede beliebige Arbeit. So hatte er einmal das Glück, seine Fertigkeiten im professionellen Umgang mit einem Traktor unter Beweis stellen zu können, als er auf dem Feld eines Landwirtes tüchtig ackerte. Nach einiger Zeit war seine Arbeit aber nicht mehr gefragt. Ihm drohte die Gefahr, wieder erwerbslos zu werden. Aber er durfte sich nicht in sein Schicksal ergeben, weil der Mann noch zwei Söhne – Danil (Jahrgang 2007) und Denis (geb. 2011) – versorgen muss. Und so bewarb er sich für die Stelle des Brotlieferanten. Alles wäre ziemlich erträglich, wenn es keine dauernden Verspätungen bei der Lohnauszahlung gäbe. Und wenn dieser Tag doch endlich kam, reichte das wenige verdiente Geld doch kaum für die dringlichsten Bedürfnisse der ganzen Familie. Swetlana begriff, dass sie alle allmählich wie im Treibsand in der Not versinken. Sie fand Arbeit als Putzfrau im Kindergarten, nach einer Weile bekam sie eine Stelle als Hilfsköchin. Es schien, als ob sich die Wolken über ihren Köpfen endlich verzogen hätten, aber dann traf die Familie „die zweite Stosswelle“…

Denis spielt die Rolle des Seemannes, Frühling 2016



Selbst erfahrene Polizisten sind schockiert

   Eines Abends bekam der kleinere Sohn plötzlich starkes Fieber. Ohne lange nachzudenken, ging die Mutter mit dem Kind zum Arzttermin. Nach kurzer Untersuchung stellte der Doktor fest, dass der Junge sich lediglich eine Erkältung zugezogen habe. Danach verordnete er die nötige Behandlung und liess sie nach Hause gehen.

Danil mit seinem jüngeren Bruder Denis, Frühjahr 2013



   Tag für Tag wurden zahlreiche Heilverfahren durchgeführt, die den Gesundheitszustand des Buben aber leider nicht im Geringsten verbesserten. Jeder neue Tag brachte nur zusätzliche Komplikationen mit sich. Und mit nahendem Wochenende gewann das Übelbefinden bei ihm vollkommen die Oberhand – ausser anhaltendem Fieber wollte das Essen ihm nicht recht munden und er bekam Verdauungsstörungen. Die vorgeschriebene Behandlung war fruchtlos und dem Kleinen ging es immer schlechter. Die Mutter schlug Alarm. Diesmal entschied Swetlana, Hilfe in einer Privatklinik zu suchen, auch wenn die dortige ärztliche Beratung dreimal mehr kostete. Dort haben die Mediziner schon festgestellt, dass höchstwahrscheinlich eine Blinddarmentzündung vorliegt. Nach einer gründlichen Untersuchung und Proben wurden diese Befürchtungen bestätigt – sein Blinddarm war wirklich zerplatzt… In äusserst ernstem Zustand wurde Denis auf die Intensivstation eingeliefert und kurz danach in den Operationssaal. Der Junge brauchte eine dringende Bauchhöhlenreinigung und Drainage-Einlage. Man kann nur erahnen, welche Folgen eine weitere Verzögerung nach sich gezogen hätte. Weil diese Diagnose nicht sofort gestellt worden war, löste dies eine Bauchfellentzündung aus, für deren Behandlung intensive Antibiotika- und Erhaltungstherapien und die Einnahme von geschwürshemmenden und schmerzstillenden Medikamenten erforderlich sind. Ausserdem bleibt grundsätzlich immer noch die Frage offen, ob die Ärzte es schaffen, das Kind aus seinem ernsten Zustand zu holen.
   Ganz am Ende unseres Gespräches im Spital klingelte Swetlanas Handy… Eine Weile zögerte die Frau, bevor sie abnahm. Im Laufe des Telefongesprächs wurde ersichtlich, wie die Frau fast in Weinen ausbrach und sich mit aller Kraft im Griff zu haben versuchte. Danach erzählte sie, dass sie mit ihrem älteren Sohn Danil telefonierte, der sich jeden Tag immer um dasselbe kümmert: „Geht es Denis heute besser? Wann kommt mein Brüderchen wieder auf die Beine? Ich habe ihm so viel zu erzählen und zu zeigen. Letztendlich vermissen wir dich, Mami, und ihn, und möchten euch so sehr wieder nach Hause zurückbekommen…“ Unser Team hofft aus dem tiefsten Inneren des Herzens, dass der kleine Junge doch genesen wird, und die Familie Shykunow von keinem Unglück mehr getroffen wird.

Denis auf der Intensivstation, heute


   Diese ganze Geschichte ist mit innigsten mütterlichen Tränen und Klagen durchdrungen. Wie viel Schmerzen enthielt jedes Wort Swetlanas, wenn sie ein um das andere Mal wiederholte, das Krankenhaus müsse doch ein Platz sein, wo den Kranken geholfen und nicht geschadet wird. Sie glaubte, dass ihr Sohn hier wirklich von Anfang an die nötige Hilfe bekommt. Aber leider ist bei der ersten Diagnose ein Fehler passiert, der den Jungen beinahe das Leben kostete…

   Zum Glück haben wir noch Zeit und Gelegenheit, den fremden Irrtum zu lösen zu versuchen und damit die drohenden unumkehrbaren Folgen abzukehren. Es ist sehr schade, wenn zur Todesursache keine Krankheit wird, sondern unsere Gleichgültigkeit… Die Lebensrettung von Denis Shykunow kann schwerlich die Welt im globalen Sinn verändern, aber umgekehrt würde sich die Welt für dieses Kind und seine Eltern vollständig in einem neuen Licht zeigen. Diesbezüglich gibt es einen klugen Ausdruck: „Von jedem einen Faden, und der Nackte hat ein Hemd.“ Liebe Leserinnen und Leser, es ist doch nicht so aufwendig, dass jeder von uns einen „Faden“ schenkt, nicht wahr?