«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Jurij Wolgin

geb. 1999

   Der junge Mann wohnt in Nikolajew mit seiner Mutter, Oma und Urgrossmutter. Der Vater verliess die Familie, als Jurij noch klein war. Danach übernahm seine Mutter allein die Verantwortung für seine Erziehung. Vor ein paar Jahren wurde bei der Urgrossmutter Ljudmila (geb. 1931) Brustkrebs diagnostiziert. Die Krebsbehandlung trieb die Familie in die Schulden. Als sich die finanzielle Lage der Wolgins zu verbessern anfing, wurde Jurijs Mutter von einem unaufmerksamen Fahrer angefahren. Dies liess den Jungen sich auf Arbeitssuche begeben und eine Abendschule besuchen.
   Nach einem Arbeitstag wurde auch Jurij zum Opfer eines Verkehrsunfalls, infolgedessen er auf der Intensivstation knapp gerettet wurde. Heute befindet sich der Junge in ernstem Zustand und braucht eine ganze Menge von Medikamenten zum Überleben. Seine Oma Irina (geb. 1964) ist immer vor seinem Krankenbett und es fällt ihr schwer, die Schultern vor Verzweiflung nicht hängen zu lassen. Die Frau wendet sich an Schweizer Wohltäterinnen und Wohltäter mit der Bitte um jede Hilfe, die ihren Enkelsohn retten könnte.

 

   

Schmerzhafter Sturz durch einen neuen Stolperstein

   Auch im Schicksal talentierter, pflichtbewusster und erfolgreicher Menschen gibt es einen Platz für das Wort "leider", wenn auf einmal alles zusammenstürzt, der Boden unter den Füssen weicht und die gewöhnliche Lebensweise auf den Kopf gestellt wird. Die Gründe dafür sind verschieden: Ein Unfall, Naturkatastrophen, folgenschwere Erkrankungen. Alles davon kann jedem passieren und hier sind Reichtum, Wohnort und Ausbildung nicht entscheidend. Eine Erkrankung ist eine grosse Herausforderung nicht nur für einen Patienten, sondern für seine ganze Familie. Von da an wird das Leben in zwei Phasen geteilt – in vorher und nachher. Die erste gilt als glücklich, sorglos, zukunftsorientiert. Die zweite ist dagegen eintönig, erfüllt von bedrückenden, Furcht einjagenden Gedanken in der Klinik, die einen rund um die Uhr überfordern. Wenn dieses hässliche "nachher" in unseren Alltag einbricht, ist es wichtig, standhaft zu bleiben und trotz allem den Kopf nicht hängen zu lassen. Wie schafft man das, die Kräfte zu mobilisieren, nicht aufzugeben und letztendlich nicht zu verlieren? Liebe Leserinnen und Leser! In diesem Heft wird die Geschichte des jungen Mannes Jurij Wolgin, dem das Schicksal immer neue Strapazen bereitet, dargeboten. Die letzten waren viel zu heftig und schonungslos - der Junge balanciert zwischen Leben und Tod. Letzterer will hartnäckig die Oberhand gewinnen.

Jurij, Mutter Nadezhda und Oma Irina vor Weihnachten, 2017

 

Jurij Wolgin mit der Oma im Wald, Sommer 2018

Viele Tiefen und nur wenige Höhen

   Ein Krankenhaus ist ein anderes Universum, hier riecht es nach Medikamenten, in seinen langen Fluren, die kein Ende zu haben scheinen, empfindet man hautnah den Hauch des Todes. Einziger Hoffnungsträger wird der Arzt. Auf der Intensivstation Nikolajews wird heute um das Leben des 19-jährigen Jurijs, eines Unfallopfers, gekämpft. An seinem Krankenbett bleibt die Oma Irina. Die betagte Frau hält den Enkel stundenlang fest an der Hand und lässt unermüdlich innige Gebete für seine Rettung über ihre Lippen gehen.
   Von klein auf musste Jurij lernen, Verantwortung zu übernehmen und Kampfgeist zu entwickeln. Der Vater verliess die Familie, strich sie sofort aus seinem Leben, als ob es sie nie gegeben hätte. Seitdem trug nur die Mutter alle Sorgenlast auf ihren schmalen Schultern. Jurij merkte, wie schwer sie es hatte und war seit früher Pubertät fest entschlossen, einmal für die Familie eine sichere Stütze zu werden. Nach dem Schulabschluss kam für ihn die Stunde, die Tür ins Erwachsenenleben aufzumachen, d.h. arbeiten zu gehen. Ein Job liess nicht allzu lange auf sich warten - Jurij wurde in einem Service für die Trinkwasserlieferung angestellt.
   Der Kampf um eine glückliche Zukunft kann ja schwierig sein - man gibt vollen Einsatz, um sich von der Armut und Rückständigkeit zu befreien, und ist nicht selten am Ende aller Kräfte. Die Mühe ist es aber wert. Der Junge ging seinem Ziel entgegen, bis ein betrübliches Ereignis passierte. Es war ein Verkehrsunfall, bei dem seine Mutter Verletzungen erlitt. Die Frau eilte zur Arbeit und bemerkte ein vorbeifahrendes Auto nicht. Verglichen mit der heutigen Lage ihres Sohns hatte sie damals mehr Glück - sie zog sich nur wenige Traumen zu und kam bald danach wieder auf die Beine. Jurij musste aber erfahren, was für ein ruinierendes Gefühl mit bitterem Geschmack die Angst um eine nahestehende Person doch ist. Der Junge verbrachte Tag und Nacht in der Klinik, versicherte der Mutter, wie lieb er sie hat und welche schöne Zukunft ohne Not, Probleme und Überforderungen er ihr schenken wolle. Der Mann hielt sein Wort - er arbeitete, brachte Geld in die Familie und der Knoten der Armut schien endlich nicht mehr so dicht gebunden zu sein. Die Idylle durfte aber nicht von Dauer sein - bei der Grossmutter wurde Krebs festgestellt. Wie viel Leid, Tränen und Entmutigung stecken hinter diesen fünf Buchstaben! Die Behandlung jagte die Familie in die Schuldenfalle - zwei Operationen und die Brustentfernung mussten aus der eigenen Tasche finanziert werden. Das Leben der älteren Frau wurde gerettet, dafür zahlte Jurij mit seiner Mutter einen hohen Preis, welchen nicht nur der Geldaufwand, sondern auch ständiger Stress und ein Burn-out bildeten. Nach Omas Genesung tröstete sich jeder selbst und man einander damit, alles Leid sei vorbei, jetzt werde es endlich besser gehen. Und wie verbittert wird man, wenn man versteht, dass die ruhige und ausgewogene Zeit nur eine temporäre Stille vor dem noch stärkeren Sturm war.

Eine Sekunde droht alles zunichte zu machen

   Der Arbeitstag war zu Ende. Ermüdet ging Jurij heim, nichts deutete auf etwas Schlimmes hin. Unweit des Hauses ging der Junge über einen Fussgängerstreifen. Plötzlich ein Reifenquietschen und der Körper Jurijs wurde zur Seite geschleudert, als ob es kein erwachsener Mann, sondern eine kleine leichte Puppe wäre.
   Durch den Sonnenuntergang war der Autofahrer geblendet und bemerkte den Passanten nicht. Mit hoher Geschwindigkeit fuhr er das Opfer an. Zum Glück blieb der Fahrer am Tatort und alarmierte den Notdienst. Als die Ambulanz an der Unfallstelle war, lag Jurij bewusstlos da. Jede Sekunde war damals Gold wert, denn auch die kleinste Verzögerung drohte das Leben des Jungen auszulöschen. Die enormen Bemühungen der Ärzte haben sich gelohnt - Jurijs Lebensfaden riss nicht. Es ist leider kein endgültiger Sieg, weil das Risiko mit so vielen Traumen immer noch hoch bleibt. Jurijs Verletzungen sind ernsthaft – sein Magen, seine Leber und Milz platzten. Stark beschädigt wurden der Brustkorb und das Hirn. Als die Mutter und Oma über Jurijs Zustand informiert wurden, mussten die beiden sich voller Trostlosigkeit an den Kopf greifen. Daneben, dass die Frauen vom Kummer überschüttet sind, haben sie keine einzige Idee, wie die errettende Therapie des Sohnes finanziert werden soll.
   Als sie die Hoffnung aufs Wunder beinah schon aufgegeben hatten, bekamen sie vom Arzt zu hören, es gebe die Chance auf Rettung. Das wären kostspielige Medikamente. Am Anfang erwärmte die gute Nachricht über die Aussichten Jurijs die Herzen seiner Familie, aber dann trat die Frustration in den Vordergrund - es geht mehrfach über die Möglichkeiten der mittellosen Familie, die Ausgaben für die lebenserhaltende Medizin decken zu können. Die Hoffnung stirbt zuletzt und mit dieser Einstellung kontaktierten die Frauen unser Hilfswerk und vertrauten uns ihren Kummer an.

Mit der Mutter auf dem Kirchenfest, Winter 2017

 

Foto von Jurij Wolgin, Intensivstation, heute

 

   Es ist eine grosse Ehre und immense Verantwortung zugleich, einen Ruf als Organisation zu geniessen, wo geholfen wird, wenn sonst alle Türen verschlossen sind und die Flamme der Hoffnung mit jeder Stunde kleiner wird. Da unsere Tätigkeit mit den Spenden aus der Schweiz finanziert wird, sehen wir uns jetzt gezwungen, uns an Sie, liebe Spenderinnen und Spender, zu wenden und auf Ihr Mitmachen im Rahmen der "Retten Sie Leben"-Aktion zu hoffen, damit Jurij überlebt!