«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   





Elena Galanina

geb. 2011

Nikolaj Samsonenko

geb. 2012

 

     Elena und Nikolaj sind die Schützlinge des Chersoner Regionalkinderheims für Kinder mit psychischen Störungen. Beide haben die gleichen Gesundheitsprobleme. Sie leiden unter einer Verzögerung ihrer Sprachentwicklung. Das Mädchen und der Junge träumen davon, in eine Familie aufgenommen zu werden. Aber solange sie sich nicht einer bestimmten Kur unterziehen lassen, haben sie leider keine Chancen, adoptiert zu werden. Die Erzieherin des Kinderheims wandte sich an die Spenderinnen und Spender mit der einzigen Bitte, diese unglücklichen Kinder zu unterstützen, damit sie eine bessere Zukunft haben. Dank der Spenden aus der Schweiz wurde die medikamentöse Behandlung für die Kinder finanziert. Diese Medikamente brauchen sie leider auch künftig. Zudem brauchen die Schützlinge des Kinderheimes neue Kleidung.

  




Harte Probe für schutzlose Kinder

Die Geburt eines Kindes ist das höchste Glück für jede Frau. Nach der Entbindung schlägt ihr Herz nicht mehr für sich selbst – alle ihre Gedanken, die Liebe und rührende Fürsorge sind auf diesen kleinen, schutzlosen und allerliebsten kleinen Menschen, der für sie die ganze Welt bedeutet, gerichtet. Es ist ganz normal und selbstverständlich, dass die Mutter selbstlos für ihr Kind sorgt und immer für es da ist. Es gibt aber hierbei auch Ausnahmen, die ungläubiges Staunen verursachen. So ist es unfassbar, wenn eine Frau ihr Baby, dessen Herzschlag sie neun Monate lang in ihrem Leib spürte, welches beim Stillen mit seinen Fäustchen ihre Finger so vertrauensvoll drückte, und sich auf ihrem Arm geborgen fühlte, einfach so verlässt! Umso schockierender ist es, wenn sie diese Entscheidung mit der Formulierung „ich brauche es nicht mehr“ kommentiert – und so das menschliche Leben, ein Geschenk Gottes und das Fleisch von ihrem Fleisch, mit dem Wort „es“ bezeichnet! Noch schlimmer sieht die Sache aus, wenn Waisen, die von ihren leiblichen Eltern ohne Gewissensbisse sitzen gelassen wurden, schwer erkranken. Zwei von ihnen sind Elena Galanina und Nikolaj Samsonenko, unsere Schützlinge aus dem Chersoner Kinderheim. Die elterliche Liebe können wir ihnen nicht ersetzen. Auch sind wir kein allmächtiger Gott, um den beiden wieder eine gute Gesundheit zu geben. Was aber in unseren Kräften liegt, ist unser Engagement und unsere aktive Teilnahme. Im Folgenden werfen wir Licht auf das Schicksal dieser vernachlässigten Kinder. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass unsere Kooperation, liebe Wohltäterinnen und Wohltäter, ihnen eine Chance geben kann, die Zukunft mit weniger Beschwerden zu meistern.

Nikolaj freut sich über unseren Besuch, Herbst 2014

   Nach zwei Fahrstunden haben wir unseren Zielort erreicht. In der nächstliegenden Stadt Cherson befindet sich ein Heim für Kinder mit psychischen Störungen. Dort bekommen kranke Jungen und Mädchen, deren Eltern das Elternrecht entzogen worden ist, ihr neues Zuhause. In den meisten Fällen geht es um alkoholsüchtige Personen, die ihren Nachwuchs für eine Bürde hielten und es nicht als ihre Pflicht erachteten, sich um ihn zu kümmern. Das Team der Anstalt empfängt uns als herzlich willkommene Gäste. Hier freut man sich über alle Besucher. Da das Staatsbudget tief ist, leidet das Kinderheim unter starker Unterfinanzierung. So fehlt es öfters an Mitteln, um die kleinen Kranken mit Nahrung, anderen wichtigen Sachen und, was äusserst wichtig ist, mit den Medikamenten, die sie so dringend brauchen, zu versorgen. Jede Hilfe, die die mitleidigen Bürger zukommen lassen, ist von sehr grossem Wert und wird sehr geschätzt. Nach der Unterhaltung mit der Verwaltung wurden wir eingeladen, die Kindergruppe zu besuchen.

Nikolaj und Elena in der Kindergruppe, 2014

Kinderalltag

   Die Erzieherin betritt als erste das Zimmer. Wir hören mehrere Kinderstimmen jauchzen. Sie alle nennen die Frau „Mama“. Es ist für die Kleinen ein sehr wichtiges Ritual, von ihr geküsst zu werden und dabei ein paar Süssigkeiten zu kriegen. Voller Begeisterung beobachten wir das Geschehen. Elena (Jahrgang 2011) ist ein sehr neugieriges und agiles Mädchen, und es wurde uns erzählt, sie besitze ein tänzerisches Talent. Während die anderen Kinder auf den Veranstaltungen schüchtern abseits stehen, ist Elena mit Herz und Seele beim Tanz. Ihre Mutter kennt sie nicht. Seitdem 2012 das Mädchen ins Kinderheim geschickt wurde, meldete sich die Frau bei ihr nicht einmal.
   Nikolaj (geb. 2012) hat dieselbe Diagnose. Das Kind leidet an psychisch-sprachlichen Störungen. Er hatte weniger Glück als Elena, wenn dieses Wort hier überhaupt passt. Schon als Neugeborener schien er eine untragbare Last für seine Mutter zu sein. So landete er als Baby im Heim. Er ist eher scheu und zurückhaltend, und es vergeht immer eine gewisse Zeit, bis er sich an einen neuen Menschen gewöhnt. Zurzeit sind die Erzieherinnen seine einzigen Bezugspersonen. Jeden Tag wartet er sehnsüchtig auf ihren Besuch, um sie voller Hingabe und Freude zu umarmen. Er kennt keine andere Realität, die mütterliche Fürsorge ist ihm unbekannt, und das Kind ist glücklich mit dem, was es hat.

Alltag im Kinderheim, Elena und Nikolaj links (2014)

   Damit die Kinder nicht so introvertiert sind und um sie irgendwie in die Gesellschaft zu integrieren, nehmen die Erzieherinnen sie in die Stadt mit, gehen mit ihnen unter die Leute und demonstrieren den Kleinen auf solche Weise, dass die Welt nicht nur aus dem Kinderheim, in dem sie leben, besteht. Wenn ein solcher Spaziergang organisiert wird, sind Nikolaj und Elena immer bereit, mitzukommen.
   Schaut man diese zwei Kinder an, kann man nicht sofort feststellen, dass sie ernste Probleme mit der Gesundheit haben. In Wirklichkeit aber brauchen sie eine effiziente Therapie, und es gibt alle Chancen, sie auf die Beine zu bringen. Elena und Nikolaj benötigen nicht nur psychologische Hilfe, die ihnen regelmässig geleistet wird, sondern ärztliche Massnahmen, die neurologische Prozesse fördern sollen. Leider zählt die Ukraine nicht zu den wohlhabenden Ländern, insbesondere in der Zeit von sozialer Unruhe und von Spaltungen. Der Staat kann den benachteiligten Kindern leider nicht viel bieten. Aus diesem Grund kommt eine fruchtbringende Therapie nicht in Frage, genauso wenig wie eine Adoption, weil kranke Kinder für die Ehepaare keine wünschenswerte Variante sind.

Bekanntschaft mit Elena, 2014

   Unser Besuch ist zu Ende. Wir verabschieden uns von dem Lehrpersonal und sagen den Kindern Tschüss. Nikolaj und Elena winken uns mit ihren Händchen und als Zeichen ihrer Zuneigung beglücken sie uns mit ihrem unschuldigen Lächeln und reichen uns Spielsachen. Wir verbrachten nur wenige Stunden mit ihnen, schlossen aber die beiden in unser Herz. Sie sind noch so klein und zerbrechlich, aber wie viel Leid lastet bereits auf ihren kleinen Schultern! Wenn wir teilnahmslos bleiben, eilt niemand sonst ihnen zur Hilfe. Ein Motto lautet: wenn jeder aus der Gemeinde einen Faden gibt, hat der Nackte ein Hemd. Wollen wir uns für Nikolajs und Elenas Leben einsetzen, damit sie weniger Schmerz und Leid erfahren müssen, und ihnen mittels unserer Aufmerksamkeit einen Hoffnungsstrahl schenken!