«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Irina Krasowskaja,

geb. 1989

 

   Irina, ihre zwei Kinder Wera (geb. 2009) und Maksim (geb. 2013) und ihr Mann Jewgenij (geb. 1991) mussten aus ihrer Heimatstadt Krasnyj Lutsch aus der Region Lugansk flüchten, als dort heftige kriegerische Auseinandersetzungen begannen. In der Nacht der Flucht wurden das Haus und das ganze Vermögen mit Wurfgranaten vollkommen zerstört. Es gelang ihnen nur noch, ihre Ausweise und kleinen Ersparnisse mitzunehmen. Die Familie war gezwungen, über ein Jahr auf der Suche nach einem neuen Zuhause von Dorf zu Dorf zu ziehen. Es war sehr schwer, eine ständige Wohnstätte zu finden, denn überall stiessen sie auf die negative Einstellung der Einheimischen den Flüchtigen gegenüber. Inzwischen bekam Irina noch die Tochter Kristina (geb. 2015). Momentan hat die Familie ein Haus im Dorf Katerinka in der Nikolajewer Region. Der Eigentümer verteilte die Summe für die Immobilie auf ein Jahr ohne Zinsen. Jewgenij gelang es, einen Job zu finden, jetzt beschäftigt er sich zu Hause mit Autoreparatur.
   Irina bedankt sich aus tiefster Seele bei allen barmherzigen Schweizer Bürgern für die Hilfe in dieser schweren Zeit. Die Familie konnte aus dem gespendeten Geld einen Teil der Summe für das Haus zahlen, ihr Grundstück abzäunen, die alte Schieferdecke gegen eine neue ersetzen und den Baustoff kaufen, mit dem die Risse in den Wänden repariert wurden. Sie hat sich auch Geflügel angeschafft und Gemüsesetzlinge und Samen besorgt. Ausserdem versorgten die Eltern ihre Kinder mit einigen neuen Kleidungsstücken, nötigen Vitaminen und Nahrungsmitteln.

   




Schrecken des Krieges: Zerstörte Seelen und Häuser

   Krieg… Wie viel Schmerz, Bitterkeit, Einsamkeit und Tod enthält dieses Wort! Der Krieg ist so alt wie die Menschheit, und jederzeit haben die Leute auf ihrem Rücken seinen kalten Atem gespürt. Diese bösartige, alles auffressende und zerstörende Kraft bringt viel Pein und seelische Leere mit. Durch ihn wird alles ohne Mitleid und Rücksicht vernichtet. Die Gefechte gingen leider an unserer Heimat nicht vorbei, zahlreiche “Narben” hinterlassend, die bei vielen von uns noch nicht verheilt sind. Man sollte glauben, unsere moderne Gesellschaft habe eine grosse Entwicklung auf jedem Gebiet gemacht. Wie konnte dann diese schreckliche Geissel namens Krieg in so einem zivilisierten Milieu wieder auftauchen? Alles wiederholt sich, die überstandenen schlimmen Erfahrungen waren unserem Volk keine Lehre. Zwei Jahre lang dauert die Willkür im Osten der Ukraine schon, zwei Jahre lang plagt die Angst jeden Tag die friedlichen Bürger, weil die nächste Wurfgranate gerade ihre Häuser trifft und Kugeln jederzeit unschuldige Opfer treffen können… Ihre herzzerbrechende Geschichte offenbarte uns die kinderreiche Mutter Irina Krasowskaja (geb. 1989), die zusammen mit ihrer Familie gezwungen war, aus ihrer Heimatstadt Krasnyj Lutsch im Gebiet Lugansk zu flüchten. Dieser Familie war es vorausbestimmt, solche Entsetzlichkeiten zu erleben, die man weder in Nachrichten hören, noch im Buch nachlesen oder im Fernsehen schauen kann. Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Artikel erfahren Sie, wie die Leute, die die Kriegshölle durchgestanden haben, ihr Leben bruchstückweise neu zusammenzusetzen versuchen – ohne Erfolgsgarantie. Anlässlich des Festes am Buss- und Bettag wurde uns eine schöne Chance gegeben, dieser notleidenden Familie den Glauben an die menschliche Güte und Warmherzigkeit zu schenken, die die winzigen Bruchstücke ihrer Seelen vielleicht wieder zusammenfügen können.


glücklicher Alltag kurz vor dem Krieg, Frühling 2014

   Der Kriegsausbruch im östlichen Teil der Ukraine brachte einige bedeutende Änderungen ins Leben von Irina, ihrem Mann Jewgenij (geb. 1991) und ihren zwei Kindern – der Tochter Wera (Jahrgang 2009) und dem Sohn Maksim (geb. 2013). Die Familie hatte ein kleines gemütliches Häuschen mit einem schönen Blumengarten, den die Frau mit Eifer pflegte. Jewgenij war als Kohlearbeiter tätig, zweifellos einer der gefährlichsten Berufe, aber sein Einkommen reichte doch dafür, damit seine Nächsten keine drückende Not erleiden mussten. Doch auf einen Schlag zogen sich graue Wolken über jedem Familienhaus ihres Städtchens zusammen. Der Klang der fröhlichen Kinderstimmen wurde durch das Donnern der explodierenden Granaten, das Geschwirr, den Pulvergeruch, die Laute der einschlagenden Fensterscheiben und die grenzenlose Dunkelheit ersetzt. Es schien so, als ob sie alle aufgeschluckt würden. Die Erzählung der Ereignisse vom Herbst 2014 fiel Irina äusserst schwer. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht Bemühungen unternimmt, um die Erinnerungen an die damaligen bitteren Begebenheiten zu ersticken. Aber es ist umsonst, sie haben sich bereits so tief eingebrannt, dass die Frau alles Geschehene noch so vor Augen hat, als ob es gestern geschehen wäre…


Die kleine Kristina und die Mutter geniessen die frische Luft beim Spaziergang, Frühling 2016


   Die Tage verliefen üblicherweise mehr oder weniger ruhig, aber fast jede Nacht war in der Regel durch Weinen, Panik und Tod gekennzeichnet… Jeden neuen Tag nahm die Familie als generöses Geschenk Gottes wahr, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu den nächsten Geschädigten werden würden, war sehr gross. Oft musste die Familie während besonders starken Angriffen im Keller übernachten und schreckte jedes Mal bei den Explosionen zusammen. Die Eltern durften ihre Kinder nicht in Gefahr bringen.


Irina mit ihren Kindern unter dem langersehnten, friedlichen Himmel, April 2016


   Jewgenij traf die Entscheidung, ihre gefährlich gewordene Stadt zu verlassen… Die Familie hatte nur wenig Zeit, weil alle Wege bald gesperrt sein würden, danach konnte niemand mehr weggehen. Dokumente, ein bisschen Geld und die Kinder mitnehmend erreichten Irina und Jewgenij den Stadtrand. Dort empfahlen ihnen Militärleute, wie man das Feld überschreiten kann, um die Erdminen zu vermeiden. Gerade als sie durch dieses Feld liefen, fing wieder ein heftiger Vorstoss an. Sie verbargen sich hinter einem Busch. Andere Flüchtige hatten weniger Glück – viele von ihnen wurden vor den Augen unserer Helden einfach erschossen. Hier kam die Erzählung ins Stocken… Irina konnte kaum ihre Tränen unterdrücken… Über ein Jahr lang konnten sie keine feste Bleibe finden, aus einem gemieteten Haus ins andere umziehend. An jedem neuen Wohnort stiessen die Armen auf den Hass, den andere Bewohner ihnen beharrlich entgegenbrachten. Wegen der negativen Einstellung gegenüber den Flüchtigen kann Jewgenij keine Arbeit finden. Ein wenig Einkommen bringt ihm nur die Nachhilfe bei seinen Dorfgenossen. Die Zeiten waren wirklich sehr schwierig, zumal sich die Familie mit der Geburt der Tochter Kristina (Jahrgang 2015) noch erweiterte.


Familie neben ihrem neuen gemieteten Haus, Juli 2016

   Im April 2016 gelang es ihnen jedoch, ein Haus im Dorf Katerinka im Nikolajewer Gebiet zu finden. Jedes Möbelstück und die ganze Innenausstattung in diesem Haus gehören dem Vermieter. Die Familie gewöhnt sich allmählich in ihrem neuen Heim ein und hofft, dass sie irgendwann eine Gelegenheit bekommt, dieses Haus zu kaufen. Dann müssen sie nicht mehr nach einer neuen Bleibe suchen. Jetzt steht ihnen bevor, einen langen Weg zu überwinden, um ein Fundament für ihre Zukunft zu legen.

   Krieg bedeutete zu allen Zeiten Jammer, Entbehrungen und endlose Opfergänge. Verluste unter den Militärleuten, die ihr Heimatland verteidigen, unter den Okkupanten, die sich an fremdem Vermögen vergreifen, und unter den Zivilisten, die sich nicht nach jemandes Tod sehnen und nur ihre Ruhe wollen. Sie alle werden getötet. Aber das Schrecklichste im Krieg ist die Kindheit, die den Kindern gestohlen wird. Die Scheusslichkeiten des Krieges lassen die Kleinen die Welt mit den Augen der Erwachsenen beobachten. In ihren Seelen hat sich für immer die Angst eingenistet. Irina und ihrer Familie gelang es, nur für einen kurzen Augenblick die Freude einer geregelten Lebensweise zu erfühlen, in der es einen Platz für Liebe und Zärtlichkeit, Zauber und Spiele gab. Viel zu lange stand für sie nur die einzige Devise, nämlich zu überleben, an erster Stelle. Familie Krasowskaja hat es verdient, von uns allen gehört und unterstützt zu werden!