«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Wladislawa Scholomowitsch

geb. 2014

Dmitrij
Scholomowitsch

geb. 2013

 

   Ende März 2016 wurde das Geschwisterpaar ins Nikolajewer Kinderheim gebracht, nachdem es von der Verwaltung in einem verwahrlosten Zustand entdeckt worden war. Wie es zu diesen Umständen kam, ist nicht bekannt: Über den Verbleib des Vaters gibt es keine Informationen und ihre Mutter verstarb im Winter 2016. Bei den Kleinkindern wurde eine psychische Sprachstörung festgestellt und das Mädchen litt ausserdem an Blutarmut und einer geringen Hämoglobinkonzentration im Blut. Wegen seines schwachen Immunsystems war es zudem sehr oft krank. Die verzögerte sprachliche und psychische Entwicklung war bei Dmitrij noch deutlicher als bei seiner Schwester. Die Kinder unterzogen sich verschiedenen Therapien und sind auf Präparate für die Verbesserung des Blutkreislaufs und des Körperstoffwechsels sowie auf Vitamine angewiesen. Das Kinderheim bekommt vom Staat keine finanzielle Unterstützung, deshalb wandten sich die Mitarbeiter des Heimes an die Schweizer Wohltäter und baten um Hilfe für ihre beiden Schützlinge.
Die Mittel, die die Spender aus der Schweiz für das Geschwisterpaar Scholomowitsch überwiesen haben, wurden für Medikamente ausgegeben. Die hatten eine positive Wirkung auf Wladislawas und Dmitrijs Gesundheit, so dass die Kinder von einem netten jungen Ehepaar adoptiert wurden. Die Verwaltung des Kinderheims äussert allen Gönnern, die für eine glückliche Zukunft Wladislawas und Dmitrijs einen merklichen Beitrag geleistet haben, ihre Dankbarkeit.

   




Ich bin ein Niemand und heisse Nichts…

   „Es ist eine grosse Herausforderung für die Pädagogen und Psychologen, die Schützlinge aus Kinderheimen zu vollwertigen Bürgern ihres Landes zu machen. Leider scheiterten meine Kollegen mit dieser Aufgabe im letzten Jahrzehnt. Um dies zu konkretisieren, lege ich Ihnen die Angaben über das Schicksal derjenigen dar, die mit ihrer Volljährigkeit die Wände der Heime verliessen und versuchten, ihr eigenes Leben alleine zu meistern. Hier nimmt die Statistik fürchterliche Ausmasse an – gegen 40% der Jungen gerieten in den ersten Jahren ins Gefängnis, weitere 40% wurden obdachlos. 10 Prozent begingen wegen der vernichtenden Frustration Selbstmord, und nur jedes zehnte der Heimkinder fand sich im Leben in der Welt zurecht. “ - dies bekommen wir von einem Sozialpädagogen beim Besuch eines Waisenhauses zu hören. Was ist der Grund solch einer verheerenden Bilanz? Der Fachmann hatte auch auf diese Frage die Antwort parat: „Sie wissen ja, in welcher Krise unser Land nach dem Zerfall der Sowjetunion steckte. Selbst den Kindern, die in den Familien mit zwei arbeitenden Eltern grossgezogen wurden, mangelte es manchmal an Nahrung und anderen Grundbedürfnissen, ganz abgesehen davon, dass es Waisenkindern in den Heimen viel schlimmer ging. Seit frühen Lebensjahren werden hierher geschickte Kinder vernachlässigt – sie haben weder elterliche Liebe noch ein würdiges Vorbild, noch fühlen sie sich beschützt oder haben die Möglichkeit, ärztlich behandelt zu werden, wenn sie irgendeine Erkrankung haben. Vor allem diese Mängel sind die Ursache für die oben erwähnten, so schockierenden Probleme“. Dadurch, dass die Ukraine heutzutage im Blut des Krieges erstickt und kaum Mittel für die Staatsprogramme hat, kann es dazu führen, dass sich die Erfahrungen der vergangenen Jahre wiederholen…“, - atmet der Beamte tief durch und schliesst die Aktentasche.


Geschwister halten immer zusammen, Sommer 2016

 

   Den Vorschlag, in die Kindergruppen zu gehen und mit eigenen Augen zu sehen, wie es ihnen so geht, lehnten wir selbstverständlich nicht ab. Wir betraten ein grosses Zimmer mit einem Teppich in der Mitte und mehreren Spielsachen in den Ecken. So sieht das Haus für dreissig Jungen und Mädchen bis drei Jahre aus. Die Kinder betrachteten uns neue Besucher aufmerksam. Schon nach fünf Minuten unseres Aufenthalts galten wir für die Kleinen als wahre Freunde. Die einen wollten unbedingt auf den Arm, die anderen reichten uns als Beweis des Vertrauens und der unbestrittenen Zuneigung ihr Spielzeug, noch weitere, um bemerkt und gelobt zu werden, machten Purzelbäume und rannten hin und her. Es fielen uns sofort zwei Kinder auf, die sich gegenseitig fest die Hand hielten und zurückhaltend wirkten. Wir baten den Sozialpädagogen, uns die Geschichte von diesem Paar zu erzählen. „Ach ja, diese Armen. Wladislawa (geb. 2014) und Dmitrij (geb. 2013) Scholomowitsch sind Geschwister und befinden sich bei uns seit Mitte Frühling, seitdem sie zu uns aus der Klinik gebracht wurden. Keiner weiss, wo der Vater der Kinder ist und ob er überhaupt noch lebt. Die Mutter wurde für verschwunden erklärt, bis sie eine Weile später unter geschmolzenem Schnee aufgefunden wurde. Wir wissen nicht, was mit ihr passiert ist, ob ein Schwächeanfall oder übermässiger Alkoholkonsum ihren Tod verursachten“, - erwiderte uns der Mann.


Alltag im Kinderheim, bei unserem Besuch, Mitte 2016


    Bald darauf erfuhren wir auch, dass der Verlust der Eltern nicht die einzige Sorge der beiden Kleinen ist. Die Kinder haben mehrere gesundheitliche Probleme. So macht Wladislawa die Blutarmut viel zu schaffen. Ihr Körper ist sehr schwach, so dass das Kind öfters einfach zu Boden fällt. Die psychische und sprachliche Entwicklung sind bei dem Mädchen auch gestört. Vielleicht ist es die Folge des erlebten Stresses, doch die Tatsache bleibt bestehen – das Kind ist kränklich, hat ein schwaches Immunsystem und benötigt eine ordentliche medikamentöse Behandlung. Ihr Bruder Dmitrij ist weniger von Krankheiten betroffen – doch auch seine psychische Entwicklung entspricht nicht dem biologischen Alter. Zudem wurde das Kind pädagogisch vernachlässigt – d.h., dass in der Familie ihm niemand Zeit widmete und etwas beibrachte. Dadurch ist der Junge merkbar unausreichend sozialisiert. Um nachträglich ein normales Entwicklungsniveau zu erreichen und Wladislawas Blutarmut zu bekämpfen, muss mit der Therapie so schnell wie möglich angefangen werden.


Wladislawa gewinnt unsere Aufmerksamkeit


   Es ist so rührend zu beobachten, dass die Geschwister wie gewohnt einander die Hand haltend zum Spaziergang rausgehen, zusammen spielen und sich die meiste Zeit fest aneinander halten. Instinktiv spüren sie den unsichtbaren familiären Faden, der sie zusammenknüpft. Es bleibt nur zu hoffen, dass Umstände, die meist unerwünscht sind, diese Verbindung nicht auseinanderreissen. Wie gesagt, zusammen ist das Leben viel leichter zu meistern.


Ein schüchterner Dmitrij wird angesprochen

   „Macht es gut, ihr Süssen!“ winkten wir mit der Hand den dreissig kleinen Seelen zu und verabschiedeten uns vom Personal des Kinderheims. Die erhaltenen Angaben über die weitere Existenz der Heimkinder haben uns tief im Herzen bewegt. Nur stellen wir uns vor, wie viel Schmerz, gescheiterte Pläne und letztendlich gebrochene Schicksale hinter der trockenen Statistik stecken! Wir machten uns alle Gedanken über die Geschichte von Wladislawa und Dmitrij. Ein typisches Beispiel einer verlorenen Kindheit. Wenn ihnen bei der Behandlung und ordentlichen Pflege nicht geholfen wird, was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser, was wird aus ihrem Leben? Und hier erschallen im Bewusstsein die Worte des Sozialpädagogen – Gefängnis, obdachlos, Selbstmord… Kurz gesagt das Geschick derjenigen, die einmal über sich sagen: „Ich bin ein Niemand und heisse Nichts.“ Das Ziel unseres Artikels, den wir Ihnen voller Respekt und im Hoffen auf Ihre edle humanitäre Verantwortung zukommen lassen, ist es, auch ein kleines Stückchen der Menschenliebe an Wladislawa und Dmitrij zu übermitteln. Wir hoffen innig, dass sie sich eines Tages in der Lage sehen, sich dem Teil der Menschen, die im Leben zurechtkommen, erfolgreich anzuschliessen!