«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   






Igor Siminenko

geb. 2012

Alina Pawlowskaja

geb. 2013

 

    Igor und Alina waren Zöglinge des Nikolajewer Kinderheims. Beide wuchsen ohne Eltern auf. Igors Mutter ist gestorben. Der Junge erlebte zu viel Stress und leidet an psychisch-sprachlichen Störungen. Was Alina betrifft, so wurde ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen. Sie hat wie Igor auch eine verzögerte Sprachentwicklung.
   Neulich wurde der Kindheitstraum der beiden endlich erfüllt – Alina und Igor wurden adoptiert und haben nun liebende Familien. In der Entwicklung der Kinder gab es bedeutende Fortschritte dank Hilfe der Spender aus der Schweiz: Die Einnahme von nötigen Medikamenten und Vitaminen sicherte eine positive Dynamik. Die Mitarbeiterin des Kinderheimes bedankt sich bei den Schweizer Wohltätern für den geleisteten finanziellen Beistand.

 

 






„Bin ich der Liebe nicht wert?“

   Mit den Worten „Mami! Bist du meine Mama? Bitte nimm mich nach Hause!“ rennt einer der Schützlinge des Waisenhauses unserer Mitarbeiterin entgegen. Die ansonsten ausgeglichene junge Frau verliert die Fassung und weiss nicht, was sie antworten soll, um eine ohnehin bereits leidende kleine Seele nicht zu verletzen. Plötzlich mischt sich die Heimleiterin ein und sagt dem aufgeregten hoffnungsfrohen Mädchen, dass die Frau nur Gast ist und nicht seine Mutter... Es tat uns unendlich leid, die Enttäuschung auf dem nun traurigen kleinen Gesicht zu beobachten. Wir können nur vermuten, was für Gedanken in jenem Moment durch sein Köpfchen gingen… Auch wenn die Erwachsenen in schwierige Lagen geraten, können sie den Problemen Widerstand leisten und Antworten auf mehrere „Warum?“ finden. Dies ist bei Kindern nicht der Fall. Die Erzieherin verriet uns, dass manche von ihnen voller Verzweiflung sie ab und zu fragen: „Bin ich der Liebe nicht wert? Warum hat mich Mama verlassen?“ Auch Fachleute mit reicher pädagogischer Erfahrung werden bei diesen Worten meist ratlos. Liebe Leserinnen und Leser, wir laden Sie ein, auf die folgenden Zeilen einzugehen, um mehr über unsere Zöglinge aus dem Kinderheim, die wir im Rahmen unseres Projekts „Obdachlosen-Hilfe“ unterstützen, zu erfahren.

Unsere Bekanntschaft mit Igor, Mai 2015



Das Leben in einer grossen „Familie“

   Es gibt mehrere Gründe, warum die Kinder hier ihr neues Zuhause fanden. Einige von ihnen hatten alkoholsüchtige Eltern, andere wurden vernachlässigt. Es kommt nur selten vor, dass sie verwaisten und dadurch ins Heim mussten. Zwar geben die Erzieherinnen ihr Bestes, um jedem einzelnen Kind ein Stückchen ihrer Herzenswärme zu schenken, aber selbstverständlich können sie die elterliche Liebe nicht eins zu eins ersetzen. Wissen Sie, was uns beim Besuch auffiel? Es ist die für ihr ziemlich junges Alter nicht typische Nachdenklichkeit und der Ausdruck des Schmerzes in ihren Augen.
   Jede Gruppe besteht aus 25 bis 30 Kindern. Das Personal zeigt uns, wo sie alle schlafen, was auf der Tagesordnung steht und wie die Kinder versorgt werden. Es ist kein Geheimnis, dass die Krise in der Ukraine sehr tief ist, besonders jetzt, wo im Osten des Landes Kriegszustand herrscht. Essen, auch wenn es nicht immer von einer guten Qualität ist, gibt es ausreichend. Bei der Medikamentenbesorgung hingegen sieht es eher schlecht aus. „Wir würden gerne aus unserer eigenen Tasche die für die Kleinen so nötigen Präparate erwerben, nur sind wir mit unseren kleinen Löhnen selber in Not“, so eine der Krankenschwestern.
   Ansonsten spielen die Kinder ganz friedlich in einem geräumigen Zimmer. Die Lehrer beschäftigen sie sinnvoll, organisieren verschiedene kleine Veranstaltungen und versuchen, eine freundliche, liebevolle Stimmung zu kreieren.

Alina beim Spielen, Mitte 2015



Waise mit zwei Jahren

   Es ist keine Frage, welche Kategorie von Kindern mehr innerliche Schmerzen über sich ergehen lassen muss – diejenigen, die ihre Eltern durch den Tod verloren, oder die, die von Geburt an vernachlässigt waren. Igor Siminenko (geb. 2012) gehört zur ersten Kategorie. Wir kennen die Umstände nicht, warum seine Mutter aus dem Leben ging. Die Frau behandelte das Kind gut und war immer für es da. Leider hatte sie keine Verwandten, die für ihren Sohn das Vormundschaftsrecht übernehmen konnten. Das damals 2-jährige Kind, welches noch gestern von Mama zärtlich geküsst und geliebt wurde, landete im Kinderheim. Das war ein grosses psychologisches Trauma für den Bub – er bekam psychisch-sprachliche Störungen und kann kaum reden. Die Medikamente, die seine Besserung fördern könnten, sind für die Verwaltung des Heimes unerschwinglich. Beim Gespräch mit den Erziehern reichte uns Igor immer wieder einen Gummiball. Nachdem er unsere Aufmerksamkeit gewonnen hatte, lächelte er unschuldig und verbarg voller Verlegenheit sein Gesichtchen hinter den Handflächen.

Igor und Alina auf dem Spielplatz, Sommer 2015



Bürde für die Eltern

   Alina Pawlowskaja (Jahrgang 2013) gehört auch zu den Zöglingen des Kinderheimes. Es ist unfassbar, wie dieses süsse Mädchen mit seinen grossen neugierigen Augen und niedlichen Bäckchen seiner eigenen leiblichen Mutter gleichgültig wurde. In unserem Land wird das Elternrecht nur in dem Fall abgesprochen, wenn die Eltern das Leben des Kindes in Gefahr bringen oder ihre Fürsorgepflichten völlig ignorieren. Wir können uns nur vorstellen, welche Szenen aus früher Kindheit sich in Alinas Unterbewusstsein eingeprägt haben. So wie Igor leidet die Kleine an psychisch-sprachlichen Störungen. Nur wenn Alina schon für ein Weilchen nicht beachtet wird, bricht sie in Tränen aus. Mag sein, dass sie Angst hat, wieder aufgegeben zu werden. Deshalb zieht sie immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich. Alina gehört zu den kleinsten Kindern in der Gruppe und bleibt meistens auf dem Schoss der Nannys. Einige Kinder werden adoptiert und finden in den Armen ihrer neuen Eltern Liebe und Pflege, die sie so sehr benötigen. Mehrmals suchen Ehepaare nach einem Kind, aber behinderte Kinder sind ihnen unerwünscht. Jedes Mal fällt ihre Wahl nicht auf sie. Und so kann man viel tiefer ihre stumme Frage „Bin ich der Liebe nicht wert?“ nachfühlen.

Gemeinsamer Ausflug (Alina ganz rechts, Igor auf dem Arm der Erzieherin), vor kurzem.


   Kinder können noch nicht analysieren, dass alle Leute verschiedene Möglichkeiten haben. Erst viele Jahre später, wenn sie Lebenserfahrung gesammelt haben, werden sie den wahren Grund einiger Dinge verstehen. Liebe Wohltäterinnen und Wohltäter, wie gesagt, einer ist keiner und Bemühungen weniger Menschen können das ganze System nicht durchbrechen. Doch einiges liegt in unseren Händen – wir können mittels unserer guten Werke das Leben einzelner Personen völlig ändern! Das Resultat könnte die Genesung von Igor und Alina sein. Vielleicht hören sie dann einmal das so ersehnte: „Komm, jetzt ist deine Mami gekommen und nimmt dich nach Hause!“