«Werden Sie zum Lebensretter

und auch Ihr Leben wird dadurch

sinnvoller und reicher»

                                                                  Sergej Gerasjuta   





Sergej Uschakow

geb. 1965

 

   Sergejs Geschichte ist traurig. Zweimal war er verheiratet. Die beiden Ehen waren aber nur kurz und unglücklich. Sein Vater starb 2007, seine Mutter ein Jahr danach. So verlor er alles, auch sein Heim. Im Frühling 2014 verletzte er sein linkes Knie. Als der Mann ins Spital kam, war es zu spät, um das linke Bein zu retten. Wegen eines Gefässverschlusses wurde es über dem Knie amputiert. Ende 2014 passierte Sergej das zweite Unglück. Er war auf dem Weg in die Klinik, um mit dem Unfallchirurg zu sprechen. Der Bahnsteig war rutschig und er fiel heftig zu Boden. Als Folge brach er sich den rechten Oberschenkelhals. Nun bilden sich an seinem rechten Fuss mehrere Geschwüre, die wegen Geldmangels schwer zu therapieren sind. Der Obdachlose braucht dringend Salben, schmerzbetäubende Pillen und Verbandstoff. Er leidet auch an Tuberkulose. Der Invalide wendet sich mit seinem Hilferuf an potenzielle Gönnerinnen und Gönner.




Was kann lauter als stille Verzweiflung sein?

   Ein Mann… In unserer traditionellen Vorstellung ist er eine mutige, selbstbewusste Person, Ernährer der Familie, der auf seinen starken Schultern geduldig die ganze Sorge seiner Nächsten trägt und alle Lasten aushält. Bei der Tätigkeit unseres Hilfswerkes lernten wir bereits mehrere Schicksale kennen. Manche sind eher unauffällig, andere dagegen finden sogar wir als erfahrene Mitarbeiter im Sozialbereich unfassbar. Die Geschichte eines obdachlosen Mannes namens Sergej Uschakow (geb. 1965) ist ein bitteres Beispiel für das soziale Drama, welches sich heutzutage in unserem Land abspielt. Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise, den ökonomischen Unruhen und kriegsähnlichen Zuständen hat sich die ohnehin schon tiefe Lebensqualität in der Ukraine noch einmal merklich verschlechtert. Für viele sind die guten Zeiten nur noch eine blasse Erinnerung. Wie geht es jetzt denjenigen, die am schutzlosesten und der Willkür des Schicksals ausgeliefert sind? Was fühlen sie, wenn sie zudem behindert oder krank sind, an Türen, die schon längst niemand mehr aufmacht, klopfen und rund um die Uhr in leere Augen von erschreckender Ungewissheit schauen müssen? Vielleicht, so wie Sergej, stille Verzweiflung, die, um ein Bild zu gebrauchen, viel lauter als die gleichzeitige Explosion von tausend Bomben ist? Liebe Spenderinnen und Spender, voller Anerkennung für Ihr Interesse an unserer Organisation laden wir Sie respektvoll ein, auf weiter folgenden Zeilen einzugehen.

Der Fehltritt

   Wer von uns begeht keine Fehler? Manche sind schnell zu korrigieren, andere haben leider weitreichende Folgen. Wenn der Mensch jung ist, mangelt es ihm noch an Erfahrung und er kann nicht immer und sofort das Gute von dem Schlechten unterscheiden. Bei Sergej war das auch der Fall. In den achtzigen Jahren stand er in der Blüte seines Lebens und alle Ziele schienen erreichbar zu sein. Der junge Mann zog aus dem Elternhaus aus und ging in eine andere Stadt. Dort arbeitete er eine Zeit lang in einer Zuckerfabrik, hatte einen guten Ruf und war in der Lage, alle seine Rechnungen zu begleichen. Doch dann geriet er auf die schiefe Bahn. Als wir ihn fragten, wie es dazu kam, dass er anfing, in Wohnungen einzubrechen, schaute er beschämt zu Boden. Dieser Umstand verursachte eine Kettenreaktion von vielen schlimmen Dingen, deren giftige Früchte Sergej jahrelang ernten musste. Das Gerichtsurteil war gnadenlos – 7 Jahre Haft. Wir können nur vermuten, wie viele innere Schmerzen durch Selbstbeschuldigung und Reue er über sich ergehen liess. Sergejs ganzes soziales Umfeld, das heisst die Freunde und Kollegen, haben sich sofort von ihm abgewandt. Mehrere Monate lang analysierte der Verurteilte sein Verhalten, bedauerte seine Vergehen bis auf den Grund seines Herzens und schwor sich selbst, nie mehr gesetzwidrig zu werden.

Von überall herkommende Sorgen

   Oft hört man, dass nach einem Ungeschick zwangsläufig etwas Gutes passieren muss. Mag sein, aber nicht in Sergejs Fall. Es ist schwer genug, mit dem Etikett „Dieb“ in der Biographie wieder einen Fuss auf den Boden zu kriegen. Es fiel dem Mann schwierig, einen Job zu finden, weil die Arbeitsgeber nicht gerne mit ihm zu tun haben wollten. Um zu überleben, arbeitete er überall, wo es nur ging, hauptsächlich auf Feldern, wo er bis 15 Stunden täglich für schlichtes Essen und einen kleinen Schlafplatz schuften musste. Sergej war zweimal verheiratet. Leider dauerten beide Ehen nicht lange. Die schmerzhaften Schicksalsschläge ertragend gab er aber nicht auf. Der Obdachlose verriet uns, was für ihn der grösste Verlust war. Das war der Tod seines Vaters 2007 und seiner Mutter ein Jahr später. Damals entdeckte unser Protagonist das Gefühl, wie es ist, wenn man ganz alleine auf der Welt ist und gar niemanden hat, auf dessen Schultern man den Kopf in guten wie auch in schlechten Zeiten legen kann.

Verzweiflung erreicht ihren Höhepunkt

   Bis 2013 war Sergej bei Privaten tätig. Sie boten ihm keine guten Arbeits- und Lebensbedingungen. Aber wie gesagt, besser wenig als gar nichts. Es stellte sich in jenem Jahr heraus, dass er an Tuberkulose erkrankt war. Fünf Monate lang liess sich der Mann behandeln. Nach der Entlassung aus der Klinik munterte er sich auf und wiederholte immer wieder, er sei stark und schaffe es, alle Probleme in den Griff zu bekommen. Wenn die Herausforderungen lebendig wären und Gefühle hätten, hätten sie bei dieser Aussage nur schadenfroh gegrinst, denn ihr heftigster Angriff folgte noch. Anfang 2014 erlitt Sergej eine Venenverstopfung und musste zum Arzt. Die Diagnose zog ihm den Boden unter seinen Füssen weg – er musste sich das Bein über dem Knie amputieren lassen. Mausarm, unglücklich und jetzt auch noch behindert und obdachlos! Kurz danach meldete sich der Invalide beim Obdachlosenheim vor Ort. Da lernten ihn unsere Mitarbeiter kennen. Unser erster Eindruck war ein in sich verschlossener, entmutigter Mann, der keinen an sich heran lassen wollte. Der Damm wurde erst durch unseren freundlichen Dialog gebrochen. Mag sein, dass unser aufrichtiges Interesse, der Wunsch ihm zu helfen und keine scharfe Kritik das Eis in seiner verletzten Seele schmelzen liessen. Darauf schüttete uns der Arme sein Herz aus. Unter Tränen, reuevoll und mit einem Hoffnungsfunken erzählte uns der Mann von seiner Person. Es war kein leichtes Gespräch, müssen wir gestehen. Unser Hilfswerk lieferte ihm Nahrungsmittel und Sergej freute sich jedes Mal über unsere Besuche. Neulich kam ein Anruf von der Verwaltung des Heimes. Die traurige Stimme einer Sozialmitarbeiterin teilte uns mit, dass Herrn Uschakow ein Unfall passiert war. Unterwegs zum Krankenhaus war er unglücklich ausgerutscht und hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen. Im Krankenhaus breiten die Mediziner aus Bedauern ihre Arme aus – es gibt im Staatsbudget keine Mittel, Sergejs Operation zu finanzieren. Und als ob dies nicht genug wäre, brach bei ihm erneut die Tuberkulose aus…

   Sergej hat keine liebende Familie, die ihm zurück auf die Beine helfen könnte. Es gibt niemanden, der diesem Bettlägerigen einen Rettungsring reichen könnte. Unser Schützling ist verzweifelt, und um seine Tränen zu verheimlichen, wendet er von uns den Blick ab. Liebe Gönnerinnen und Gönner! Sergej hat alle Chancen, wieder ein normales Leben zu geniessen! Ein Eingriff könnte seine gebrochenen Knochen fixieren und auch die Tuberkulose wäre eine heilbare Krankheit. Der einzige Stolperstein ist aber der Geldmangel. Es liegt in unseren Kräften, in sein graues, aussichtsloses Dasein helle Farben hineinzubringen und den in die Ecke getriebenen Herrn Uschakow Mut schöpfen zu lassen, damit er sich künftig über jeden neuen Tag freuen kann!