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Warum ist das

Schweizer Bürgerrecht

so begehrt?

«Nirgendwo auf der Welt gibt es so viel Sicherheit wie hier!»

Wir möchten Ihnen in einem generellen Überblick das Wissenswerteste über den Einbürgerungsprozess in der Schweiz verschaffen. Sich in der Schweiz einbürgern zu lassen bedeutet heute für viele Einbürgerungswillige, sich einer nervlichen Zerreissprobe zu stellen. Früher war das noch anders. Drei Personen erzählen von ihren Erlebnissen.

Zum Thema «Einbürgerung» befragten wir den Gartenbauer Musa Cajljani aus Luzern, die Serbin Anja (15) und die Lebensberaterin Esra Telesel aus Wangen bei Olten.

Warum das Luzerner Wappen blau und weiss ist

Musa Cajljani aus Mazedonien lebt seit 19 Jahren in der Schweiz. Seine Kinder sind in der Schweiz geboren und besuchen die hiesigen Primarschulen. Die Familie lebt in Luzern, der Vater spielt eine wichtige Rolle in der moslemischen Gemeinde. Musa sagt: «Für uns war es immer wichtig, soziale Kontakte mit Schweizern zu haben. Die Integration spielt eine wichtige Frage beim Einbürgerungsverfahren. Kürzlich haben wir interessierte Einheimische in unsere Moschee eingeladen und eine Vorlesung aus dem Koran in Deutsch gemacht.» Musa und seine Familie besitzen seit eineinhalb Jahren das Schweizer Bürgerrecht. Er erinnert sich: «Die Abwicklung des Gesuches dauerte in Luzern rund zweieinhalb Jahre. Das ist üblich. Ich weiss von anderen, dass es noch länger gedauert hat. Alles in allem kostete es uns rund 3000 Franken.» Zusammen mit seiner Frau besuchte er einen Kurs über die Schweiz. Dort lernten sie Wissenswertes über Geographie, Geschichte, Politik und das Sozialsystem. Sie arbeiteten mit der Broschüre «Echo» (Klett Verlag). Dies ist eine Koproduktion von HEKS und der Schweizerischen Ausländerkommission BFM. «Ich weiss jetzt auch, was die beiden Farben auf dem Luzerner Wappen bedeuten: das Blau ist für den See und das Weiss für den Schnee in den Bergen!»

«Wir bibberten wie vor einem Schultest»

Schliesslich erhielten sie die Einladung der Luzerner Bürgerrechtskommission des Grossen Stadtrates. Dies sind Vertreter von fünf Parteien. Musa erinnert sich: «Wir zitterten vor Aufregung und hatten Angst, etwas Dummes zu sagen – wie Kinder vor einem grossen, wichtigen Test.» In Luzern entscheidet diese Kommission grundlegend darüber, wer eingebürgert werden soll. «Das Gespräch dauerte etwa 10 Minuten! Sehen Sie, wir wussten ja, dass in Emmen 48 von 56 Einbürgerungswilligen grundlos abgelehnt worden waren – und diese kamen alle aus dem Balkan. Sie fragten mich, warum ich in der Schweiz nicht mehr auf meinem erlernten Beruf als Goldschmied, sondern im Gartenbau arbeite? Ich antwortete, dass ich damals glücklicherweise diese Arbeit gefunden hätte. Das war kurz vor dem Balkankrieg - dem Konflikt zwischen Moslem und Serbien. Als Goldschmied hätte ich damals keine Chancen gehabt, eine Anstellung zu finden. Als es keine weiteren Fragen mehr gab, fiel die ganze Spannung von uns ab.» Auf meine Frage, warum er Schweizer habe werden wollen, antwortet er sofort: «Die Sicherheit! Sehen Sie, die materielle, wirtschaftliche und soziale Sicherheit in der Schweiz ist für jemand wie uns das Wichtigste. In Mazedonien – wo wir uns unterdessen nur noch wie «Besucher» fühlen – gibt es seit dem Zerfall des Tito-Regimes für junge Menschen keinerlei Sicherheit und Zukunftsaussichten mehr. Unsere neue Heimat ist in jeder Hinsicht die Schweiz.» (Musa C. wollte aus Diskretionsgründen nicht fotografiert werden.)

Nirgends richtig Wurzeln schlagen können

3Anja, 15, aus Serbien: «Meine Familie wartet seit fünf Jahren darauf, dass wir zum Einbürgerungsgespräch eingeladen werden. Ich fürchte mich davor, weil so viel davon abhängt. Das ist besonders für meine Eltern sehr hart. Ich will Schweizerin werden, weil ich hier geboren bin. Hier gehe ich an die Kantonsschule und werde die Matura machen, studieren. Alle meine Freunde leben hier, die meisten sind Schweizer/innen. Wenn ich nach Serbien gehe, bin ich dort nur auf Besuch – in den Ferien halt. Im Moment ist es so, dass ich nirgends wirklich eine Heimat habe. In Serbien habe ich das Gefühl, dass sie in mir die «Schweizerin» sehen. Ist das nicht traurig, dass ich in der Schweiz «Serbin» bin und in Serbien «Schweizerin»? Doch irgendwie bin ich ja weder das eine noch das andere. Ich bin – was meine Nationalität und Heimat betrifft – zwischen Stuhl und Bank.»

Offizielle Angaben zur Einbürgerung

Das Bundesamt für Migration in Bern publiziert Informationen zum Einbürgerungsverfahren. Als wichtige Faktoren gelten heute insbesondere die Integration in die Bevölkerung sowie gute Sprachkenntnisse. Die Einbürgerungswilligen müssen mindestens 12 Jahre ununterbrochenen Wohnsitz in der Schweiz haben. Die Jahre zwischen dem zehnten und zwanzigsten Lebensjahr gelten doppelt. Vorausgesetzt wird auch ein guter Leumund. Hier gibt das Zentralstrafregister klare Auskunft. Ebenso dürfen keine Betreibungen seitens der öffentlichen Verwaltungen vorliegen. Das Schweizer Bürgerrecht erwirbt man auf lokaler Ebene. Die Vorgehensweise variiert aufgrund des föderalistischen Staatssystems jedoch erheblich, was landesweit zurzeit zu Unklarheiten führt. Der Eingebürgerte kann seine bisherige Staatszugehörigkeit seit dem Jahr 1992 behalten.

Im interkulturellen Bewusstsein zusammen leben

4 Esra Telesel ist Medialtherapeutin, spirituelle Lehrerin und Erwachsenenbildnerin (www.telesel.ch). Sie erinnert sich daran, warum und wie sie sich vor Jahren zur Schweizerin einbürgern liess. Auf die Frage, warum sie unsere Nationalität habe annehmen wollen, antwortet sie: «Offen gesagt, damals stand die Freiheit, die mir der Schweizer Pass als junge Frau brachte, im Vordergrund. Heute schätze ich das, was wohl den meisten wichtig ist: das positive Umweltbewusstsein, die vielfältige Schönheit der Natur, die vier Landessprachen, das gute soziale Fundament, welches eine mittlere bis hohe Lebensqualität ermöglicht. Dadurch entsteht die Energie und der Raum zur Selbstverwirklichung.» Esra kam mit eineinhalb Jahren mit ihren Eltern aus Istanbul in die Schweiz. Als ihr Vater starb – sie war 18 Jahre alt – zog es ihre Mutter zurück in die Heimat. Sie entschied sich für eine Einbürgerung.

Was musste sie dafür tun? «Oh, das ist so lange her! Ich meldete mich bei der Gemeinde Oberkulm, füllte viele Formulare aus, wartete auf das Einverständnis des türkischen Konsulates in Zürich, besorgte Geburtsurkunden. Etwa eineinhalb Jahre später lud mich der Gemeinderat zu einem Gespräch ein. Man kannte sich recht gut, ich lebte ja seit zwanzig Jahren in dieser Gemeinde. Es war mehr eine lockere Diskussion als eine Befragung. Der Gemeinderat lud mich sogar ein, politisch aktiv zu werden. Als in Ausbildung Stehende bezahlte ich die tiefste Einbürgerungsgebühr von dreihundert Franken. Und dann war ich Schweizerin.» Auf die Frage angesprochen, wie sie die Türkei und die Schweiz im Verhältnis erlebe, sagt Esra: «Alles ist harmonisch miteinander verbunden. Ich liebe beide Länder. Mein Vater sagte mir einmal, ich solle aus allem das Positive nehmen und so einzigartig werden. Meine Familie in der Türkei ist modern, offen, gebildet. Für mich gibt es keinen Kulturschock! Schon immer hatte ich Freunde aus allen Kulturen und Schweizer ebenso. Da ich dreisprachig aufwuchs, ist für mich das interkulturelle Leben sehr wichtig, welches in der Schweiz sehr vielfältig ist. So bin ich Schweizerin geworden, meine türkischen Wurzeln habe ich jedoch nie aufgegeben.»

Kontroverse Forderungen

Zwischen 1983 und 2006 verfünffachte sich die Zahl der Einbürgerungen. Von 9’062 stieg die Zahl der neuen Schweizer auf 47'607 jährlich an. Es wurden während dieser Zeit insgesamt 470’045 Personen Schweizer Bürger. Die Statistik zeigt: Im Jahr 2006 liessen sich total 19'273 Personen aus ehemaligen Balkanländern einbürgern. Dies macht rund vierzig Prozent aus. Die unbegründete Ablehnung von 48 Familien aus ex-jugoslawischen Ländern führte im Jahr 2000 in der Luzerner Gemeinde Emmen landesweit zu politischer Aufruhr.

Die SVP fordert in ihrer neusten Initiative: «Die Stimmberechtigten jeder Gemeinde legen in der Gemeindeordnung fest, welches Organ das Gemeindebürgerrecht erteilt. Der Entscheid dieses Organs über die Erteilung des Gemeindebürgerrechts ist endgültig.» Es sei anzumerken, dass das Volk während der 70er Jahre schon mehrere solche Initiativen ablehnte.

Die virtuelle Enzyklopädie Wikipedia folgert hier: «Verständlicherweise kollidiert der aktuelle Konflikt im Einbürgerungsverfahren mit dem Selbstverständnis eines basisdemokratischen Staates». Linksstehende Politiker verlangen als Problemlösung, dass die Exekutive die Einbürgerungen durchführen sollte. Solche Kommissionen seien unparteiisch, neutral, sachlich und erfahren genug, um heikle staatliche Entscheide kompetent zu fällen. Dem subjektiv agierenden Bürger werde so die Möglichkeit entzogen, in anonymer Weise einem rassistischen Drang nachzugehen.

Der Film «Die Schweizermacher»

51978 produzierte Rolf Lyssy den legendären Film «Die Schweizermacher». Darin wird die schweizerische Einbürgerungspraxis aufs Korn genommen. In humoristisch-ironischer Weise zeigt der Film, welchem Stress die Einbürgerungswilligen ausgesetzt sind. Die neuen Schweizer müssen wahrhaft schweizerischer sein als Schweizer. Einbürgerungsbeamte und Kommissionen zeigen ihre Begabung als gnadenlose Bürokraten. Die Einbürgerungsbehörde lässt all jene auf Herz und Nieren prüfen, die sich um einen Schweizer Pass bewerben. Selbstverständlich sollen die zukünftigen Schweizer fleissig, ordentlich, sauber, ruhig, neutral und vaterlandsliebend sein. Leider findet der gesunde Menschenverstand darin nirgends mehr Platz. Dieser Film ist bisher einer der absoluten «Hits» der Schweizer Filmindustrie: Fast eine Million Schweizer haben ihn im Kino gesehen.