Geschichten aus dem Leben der Bundesräte

So interessant kann der graue Politikalltag sein! Episoden aus dem Leben ausgewählter Bundesräte verwandeln harte Fakten aus Geschichtsbüchern in abenteuerliche Zeitreisen. Vom Waisen im Kampf gegen die Armut in der Schweiz bis zum Anwalt auf Mission für den Weltfrieden…

Karl Schenk für das Wohlergehen der Schweizer

Sein halbes Leben verbrachte Karl Schenk im Bundesrat – mit 31 Jahren Amtszeit und als fünfmaliger Hüter des Präsidentenamts gilt er als Bundesrat mit der längsten Amtszeit der Schweizer Politikgeschichte. Ursprünglich war er ein protestantischer Priester, der dann vom traditionellen Klerus in die freiheitliche-liberale Fraktion wechselte und als Politiker eine anschauliche soziale Agenda durchsetzte, die dem Wohl der gesamten Bevölkerung diente.

Von einer schwierigen Kindheit in den Schoss der Kirche

Geboren wurde der kleine Karl 1823 in Bern. Er war eines von 14 Kindern der Familie Schenk – sein Vater war Erfinder und seine Mutter war mit dem Haushalt und dem zahlreichen Nachwuchs beschäftigt. Karl war erst sechs Jahre alt, als seine Mutter starb. Dies bedeutete für ihn das Ende seiner Kindheit. Der kleine Karl wurde in ein von Pietisten geführtes Internat im Königreich Württemberg geschickt, wo ihn zwei Jahre später die Nachricht vom Tod seines Vaters erreichte. Mit acht Jahren war er bereits Vollwaise geworden.

Die schwere Kindheit war sicher ein Grund für seinen Hang zum Kontemplativen und zum Nachdenken. Seine Leidenschaft galt dem Wandern, dem Malen und seinem Theologie- und Philosophiestudium, welches er an der Universität Bern belegte. Mit 22 Jahren legte er das Staatsexamen ab und startete seine kirchliche Laufbahn – erst als Vikar, dann als Pfarrer in Schüpfen.

Ehrendoktorat für den politischen Kampf gegen die Armut

Das geistige Wohl seiner Gemeinde lag ihm sehr am Herzen. Doch auch das soziale Wohlergehen der Armen war dem jungen Pfarrer Karl ein grosses Anliegen. Schon bald bekannte er sich öffentlich zum Radikalismus und gründete, ganz im Geiste seines Zeitalters, gemeinnützige Vereine und schuf Weiterbildungsmöglichkeiten. Sein Engagement verstrickte ihn immer mehr in das politische Geschehen des Landes – erst auf regionaler, dann auf Bundesebene.

Seine erste Aufgabe in der Regierungsrat im Jahr 1855 widmete er dem Armenwesen. Ein Grossteil der Bevölkerung litt damals an Armut: Einerseits hatte die Kartoffelfäule zu mehreren Missernten und in der Folge zu Nahrungsknappheit geführt. Andererseits war das einst blühende Handwebereigeschäft dem Bankrott nah, denn die zunehmende Industrialisierung ersetzte die Arbeiter durch Maschinen. Karl Schenk veranlasste, dass der Kanton die Armenanstalten übernahm und erstellte neue Regelungen betreffend Kostenübernahme durch die Gemeinden. Für seine Verdienste in der Armutsforschung verlieh ihm die Universität Bern das Ehrendoktorat.

Sprudelnde Vitalität und plötzlicher Tod

Sein Elan war nicht zu bremsen. Später übernahm Karl Schenk die Verantwortung für die Kunstförderung, erhielt die Oberaufsicht der ETH Zürich, kümmerte sich um Eisenbahn- und Infrastrukturbauten und erhielt unter anderem die Ressorts für Inneres, für die Landwirtschaft und für das Forstwesen. Insgesamt war er fünf Mal Bundespräsident.

Seine Verdienste dieser Jahre sind so zahlreich, dass es unmöglich ist, sie alle zu nennen. Er unterstützte den Bau des Gotthardtunnels, er erschuf die Alkoholgesetzgebung und unterstützte den Aufbau des Schweizer Landesmuseums und der Nationalbibliothek. Weitere Pläne waren die Vereinheitlichung der Volksschulen und die Einführung des Impfzwangs (diese Initiativen wurden jedoch vom Volk abgelehnt) – um nur einige Beispiele zu nennen.

Am 8. Juli 1895 ging der betagte Schenk am Bärengraben spazieren, als er einem taubstummen Bettler begegnete. Er wollte dem zerlumpten Mann Almosen geben und übersah dabei eine herannahende Kutsche, die ihn erfasste. Zehn Tage später erlag Karl Schenk seiner schweren Gehirnerschütterung.

Gustave Ador für den Weltfrieden

Von einem ganz anderen Hintergrund kam Gustave Ador. Als Sohn des Direktors einer Handelsbank wurde Gustave Ador 1845 in einer gutbürgerlichen Familie geboren. Sein grösstes Ziel war der Weltfrieden. Zweieinhalb Jahre war er im Bundesrat. Er trat zurück, als er seine Mission erfüllt hatte.

 


Ein guter Start ins Leben

Von Anfang an war klar, dass der kleine Gustave Ador Karriere machen würde. Und so geschah es auch. Nach der Schule studierte er Philologie und Rechtswissenschaften und wurde Anwalt. Schon mit 29 Jahren kandidierte der junge Ador für das liberale Lager und wurde bald Mitglied der Genfer Kantonsregierung. Damals hielt er an eine sparsame Haushaltspolitik, welche er als Departementsvorsteher der Finanzen penibel umsetzte.

Mitte 30 wurde Ador Mitglied des Nationalrats, Mitte 40 gehörte er dem Ständerat an. Freunde und Bekannte forderten ihn auf, für den Bundesrat zu kandidieren. Doch Ador weigerte sich, denn er war lediglich Mitglied einer Minderheitsfraktion im Parlament. Unverhofft kommt oft: Im Alter von 72 Jahren wurde er zum Bundesrat gewählt! Nicht aus Gründen seiner Parteizugehörigkeit, sondern aufgrund seiner Kompetenzen.

Übernahme des Steuers nach der Hoffmann-Krise

Man schrieb das Jahr 1917 – das dritte Jahr im ersten Weltkrieg. Soeben war die Schweiz von eine Krise erschüttert worden. Bundesrat Hoffmann hatte ohne Einverständnis seiner Kollegen versucht, einen Separatfrieden zwischen Russland und Deutschland auszuhandeln. Seine Korrespondenz nach Petrograd wurde jedoch von den Franzosen abgefangen und publik gemacht. Unter den Alliierten und in der Schweiz führte sein heimliches Vorhaben zu einem Aufschrei - zumal sein Handeln die Neutralität des Landes in Frage stellte und somit gefährdete! Hoffmann trat zurück und an seine Stelle wurde der betagte Gustave Ador gewählt, der für zweieinhalb Jahre im Bundesrat bleiben sollte, wovon er ein Jahr als dessen Präsident fungierte.

Vom Krieg zum Völkerbund

Adors Aktivitäten galten vor allem der Friedensarbeit. Er unterstützte den legendären amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson in seiner Idee des Völkerbundes - als friedenserhaltende Institution in Europa. Zweimal fuhr er 1919 nach Paris, um an der Friedenskonferenz der Staats- und Regierungschefs teilzunehmen. Seine Bemühungen wurden in der Schweiz nicht immer honoriert, da sie oft im Widerspruch zur hiesigen Neutralitätskultur standen. Auf internationaler Ebene wurde sein Engagement jedoch anerkannt und sogar belohnt: Genf wurde Hauptsitz des neu eingerichteten Völkerbundes und die Schweiz durfte mit einem besonderen Neutralitätsstatus dem Gebilde beitreten.

Friedensarbeit bis zum Tod

Ador hatte seine Ziele erreicht und trat als Bundesrat zurück, um sich wieder gänzlich seiner privaten Leidenschaft zu widmen – dem Internationalen Komitee des Roten Kreuz. Insgesamt war er 58 Jahre Mitglied dieser Organisation und fungierte 18 Jahre als dessen Präsident. In seiner Amtszeit fiel der erste Weltkrieg, der das Komitee vor grosse Herausforderungen stellte. Für die geleistete Arbeit für die Notleidenden erhielt die Organisation 1917 den Friedensnobelpreis. Gustave Ador blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1928 Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuz.