Die Geschichte der Anästhesiologie ist schon jahrhausende alt.

 

  Doch die rasantesten Entwicklungen erfuhr sie in den letzten 150 Jahren.

Bis zur Entdeckung der modernen Anästhesie vor etwa 150 Jahren wurde nur im äussersten Notfall operiert, wenn ein Eingriff die allerletzte Überlebenschance bot. Am häufigsten handelte es sich dabei um Amputationen. Eine Operation bedeutete damals heute kaum mehr vorstellbares Grauen. Um die Patienten stillzuhalten, wurden sie mit Lederriemen an eine Bahre gefesselt. Damit sie nichts sehen konnten, wurde ihnen eine Kappe über die Augen gezogen und die Operation bei mehr oder weniger wachem Bewusstsein durchgeführt. Ein paar Gläser Schnaps oder pflanzliche Mittel wie Bilsenkraut waren die einzigen Möglichkeiten zur Betäubung. Weil man noch nichts über die Gefahr von Bakterien wusste und deshalb noch nicht unter sterilen Bedingungen operierte, lag die Sterblichkeit bei über neunzig Prozent. Während Operationen für die Patienten unerträgliche Qualen mit sich brachten, waren sie auch für die Ärzte alles andere als angenehm. Im Mittelalter hiess deshalb eine bekannte Devise der Ärzte: „Zuerst bete, dann arbeite!“

Heute ist es für Patienten selbstverständlich, dass sie während operativen Eingriffen entweder durch die lokale Betäubung den Eingriff schmerzlos überstehen oder durch Vollnarkose ganz schlafen. Damit ist der uralte Wunsch der Menschheit nach Linderung von Schmerzen, sei es bei Verletzungen, Krankheiten oder eben bei Operationen, so gut wie erfüllt. Dieser Wunsch kann als erste Triebfeder heilerischen Handelns bezeichnet werden. Bereits in der Antike kannten viele Völker die schmerzlindernde Wirkung von Mohn, Alraunen, Bilsenkraut und etlichen anderen Pflanzen. So schätze etwa Helena von Troya, die Tochter des Zeus, schon 1149 v. Chr. die Wirkung von Opium, das sie mit Wein vermengte, um Leiden zu erleichtern und alles Übel zu vergessen. Andere geschichtliche Aufzeichnungen weisen darauf hin, dass auch Hanf schon früh zur Linderung von Schmerzen eingesetzt wurde. Der chinesische Arzt Pien Ch'iao soll seinen Patienten schon 225 v. Chr. Einen mit Hanf versetzen Wein verabreicht haben, bevor er sie operierte. Der Feldchirurg des römischen Kaisers Nero empfahl die orale Verabreichung von Mandragorawein (Alraune) gegen Schlaflosigkeit und Schmerzen bei Operationen sowie Wundausbrennungen.

Ab dem frühen Mittelalter kam der so genannte Schlafschwamm zum Einsatz. Der Schwamm wurde in eine Mischung aus Opium, Hyoscyamin, Maulbeersaft, Salat, Schierling, Mandragora und Efeu getaucht und getrocknet. Vor dem Gebrauch wurde er wieder befeuchtet, wodurch Dämpfe entstanden, die von den Patienten eingeatmet werden konnten. Geweckt wurden sie mit einem in Weinessig getränkten Schwamm. Guy de Chauliac beschrieb 1363 n. Chr. den Gebrauch narkotisierender Mittel, insbesondere des Opiums und des Schlafschwammes zur Schmerzlinderung bei chirurgischen Massnahmen. Doch obwohl dies die Schmerzen wohl etwas zu lindern vermochte, waren die Nebenwirkungen ihrer Anwendung gravierend: Erstickungserscheinungen, Blutstauung, oder gar der Tod. Im Allgemeinen gab es während des Mittelalters einen Stillstand in der Entwicklung von Medizin und Arzneimitteln. Menschen, die sich damit beschäftigten, mussten damit rechnen, von der Kirche verfolgt zu werden, denn diese beanspruchte die „Heilungshoheit“ für sich.

Äther als Erlösung

 

Ab dem 19. Jahrhundert ging die Entwicklung der Anästhesie Schlag auf schlag. Der Landarzt Crawford Williamson Long setzte in seiner Praxis im US-Bundesstaat Georgia erstmals am 30. März 1842 Ätherdämpfe als Narkotikum bei einer Tumorentfernung ein. Da es funktionierte, betäubte er fortan seine Patienten bei Eingriffen wie Amputationen oder Entbindungen. Die Bedeutung seiner Entdeckung unterschätze er aber: Erst sieben Jahre später, nachdem sich der Zahnarzt William T. G. Morton mit seiner öffentlichen gezeigten Äthernarkose einen Namen gemacht hatte, veröffentlichte Long seine eigenen Beobachtungen. Mit Mortons Präsentation am 18. Oktober 1846 verfügt die moderne Anästhesie über ein offizielles Geburtsdatum, bis heute kennt man das Datum als Äthertag. Es gelang dem Zahnarzt an diesem Tag sehr zum Erstaunen der anwesenden Fachärzte nach erfolgter Äther-Inhalationsanästhesie einem Patienten schmerzfrei ein Geschwür am Hals zu entfernen – weshalb fälschlicherweise Morton und nicht Long als Entdecker der Inhalationsanästhesie gilt. Die erste Äthernarkose im deutschsprachigen Raum wurde übrigens in der Schweiz vorgenommen: Hermann A. Demme führte sie am 23. Januar 1847 in Bern durch.

Wer nun glaubt, dass sich die Ärzte auf die neue Entdeckung stürzten und die Narkose ganz selbstverständlich zur medizinischen Praxis wurde, irrt. Die Geschichte der modernen Anästhesie ist auch die Geschichte des Widerstands der akademischen Ärzteschaft gegen diese Innovation. Gleich nach der Entdeckung des Sauerstoffes im Jahre 1774 begann man die medizinischen und bewusstseinsverändernden Wirkungen verschiedener Gase zu testen. Schon 1800 stellte Humphrey Davy in einem Selbstversuch fest, dass das Einatmen von Lachgas das Schmerzempfinden aufhebt und schlug vor, dieses bei chirurgischen Operationen einzusetzen. Die medizinischen Gesellschaften lehnten ab. Einige Ärzte fanden die Operation an scheinbar leblosen Körpern unethisch, andere hielten den Schmerz für unabdingbar für die Heilung. Weiter lehnten es viele Chirurgen ab, den schon durch die Operation enorm beanspruchten Organismus noch weiter zu belasten.

Von Moral und Fortschritt

Religiösen Kreisen war insbesondere die Chloroform-Anästhesie bei Geburten lange ein Dorn im Auge. Sie empfanden sie als blasphemisch, schliesslich sei es seit der Erbsünde eindeutig der Wille Gottes, dass die Frau bei der Geburt Schmerzen erleide. Erst der Hinweis von findigen Akademikern, dass ja Gott selbst zum Anästhesist wurde, als er Adam in einen tiefen Schlaf habe fallen lassen, bevor er ihm die Rippe entnahm, brachte den Klerus zum Verstummen. Aber auch ausserhalb der Kirche gab es moralische Vorbehalte gegenüber der Anästhesie. Die Gasinhalation galt als unseriös, denn Lachgas war damals in den Oberschichten als Partydroge wohl bekannt. So etwas hatte im Operationssaal nicht zu suchen. Selbst nach 1846, als die Inhalationsanästhesie sich akademische Anerkennung zu schaffen begann, merkten viele Mediziner mit Befremden an, Patientinnen (von Patienten ist nicht die Rede) hätten im Narkoserausch unsittliche Träume. Der Standpunkt, dass die künstliche Unterdrückung des Schmerzes moralisch verwerflich ist, hielt sich erstaunlich lange.

Eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Anästhesie kann dem von Franz Anton Mesmer begründeten Mesmerismus zugeschrieben werden. Im späten 18. Jahrhundert versetzte er Patienten und Patientinnen in Trance und 1829 wurde diese Methode erstmals erfolgreich zur Anästhesie bei einer chirurgischen Operation eingesetzt. In der Folge kamen viele Erfolgsmeldungen; insbesondere englischen Chirurgen in Indien gelangen in den 1840er Jahren offenbar häufig schmerzfreie Operationen durch Trance. Die Fachwelt schwankte zwischen Anerkennung und Ablehnung. Nachdem jedoch eine Frau bei einer öffentlichen mesmeristischen Séance in London die anwesenden Herren im Rausch unziemlich anzusprechen begann, war es vorbei mit der Bewunderung In Europa wagte danach kein nicht-mesmeristischer Arzt mehr, Versuche zur Anästhesie zu unternehmen.

Doch in den USA gab es viele Mediziner, die nicht um ihren wissenschaftlichen Ruf bangen mussten. Als die Meldung über den erfolgreichen Äthereinsatz durch den Zahnarzt Morton über den Atlantik kam, triumphierten die Mesmerismus-Gegner. Als Joseph Liston noch im gleichen Jahr in London mit der neuen Methode eine Oberschenkelamputation schmerzfrei durchführte, rief aus: „Diese Glanzidee der Yankees, meine Herren, ist dem Mesmerismus hoch überlegen. Welch ein Glück! Wir haben den Schmerz besiegt!“ Und auch den Mesmerismus: Dieser verschwand bald völlig. Bis sich die Anästhesie ganz durchzusetzen vermochte, dauerte es aber noch. Selbst Anhänger der neuen Methode waren lange der Meinung, es lohne sich nicht, die Patienten bei kleineren Operation, etwa bei der Amputation eines Zehs, zu narkotisieren. Zudem war die Anästhesie eine Klassen- und Rassenfrage: Lange wurden in amerikanischen Krankenhäusern Weisse häufiger als Schwarze oder Indianer und Leute aus der Oberschicht öfter als Arbeiter anästhesiert.

Wir können uns glücklich schätzen, dass dieses Denken überwunden werden konnte, denn es erlaubte den Forschern, die Narkosemethoden für alle weiterzuentwickeln. Wie dargelegt, ist es noch nicht lange her, seit Äther, Lachgas oder Chloroform in der Chirurgie Einzug gehalten haben. Deren Anwendung hatte aber viele Nachteile, die Nebenwirkungen während und nach den Eingriffen waren unangenehm. Heute ist die Anästhesie eine hoch entwickelte Technik. Der Anästhesist kann während der Operation dank weitgehenden Erkenntnissen über die Funktionsweisen des Körpers und insbesondere des Hirns sogar die Tiefe des Schlafes abstimmen. Die Anästhesie wird durch Einspritzung eines Einschlafmittels in eine Vene eingeleitet, wodurch der Patient schnell und ohne unangenehme Empfindungen das Bewusstsein verliert. Zur Schmerzausschaltung dienen Abkömmlinge des Opiums, zur Muskelerschlaffung solche des indianischen Pfeilgifts Curare. Alternativ oder zusätzlich werden über die Beatmung Anästhesiegase zugeführt. Bei Störung lebenswichtiger Vorgänge erhält der Patient weitere Medikamente, vor allem zur Beeinflussung von Herz und Kreislauf. Natürlich besteht bei Narkosen immer ein Restrisiko – doch insgesamt bietet die heutige Anästhesie für den Patienten viel Lebensqualität und Sicherheit.