Gibt es mehr Übergewichtige als Unterernährte?

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es mehr übergewichtige als unterernährte Menschen. Die einen leiden an Hunger, die anderen an Fettleibigkeit. Beide Ernährungsbilder sind gefährlich, führen zu Krankheiten und frühzeitigem Tod.

1Die Anzahl übergewichtiger Menschen ist so stark angestiegen, dass die Weltgesundheitsorganisation bereits von einer Pandemie spricht. Eine Pandemie, d. h. eine sich über Länder und ganze Kontinente ausbreitende Krankheit. Kurz - unsere Korpulenz ist krankhaft. Langfristig verursachen die paar Kilos zuviel tödliche Risiken wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Kreislaufversagen, Leberprobleme und Diabetes. Auch bestimmte Krebsarten könnten die Folge von unserem Schlemmer-und-Faulenzer-Dasein sein.

Unsere Energiebilanz im Ungleichgewicht

In den Industriestaaten ist die Tendenz der Übergewichtigen steigend. Warum? Unsere Energiebilanz ist aus dem Gleichgewicht geraten. In einer Welt des Überflusses führen wir unserem Körper zu viel Energie zu. Beim Energieverbrauch hingegen sind wir sparsam. Immer mehr Menschen arbeiten im Büro und sitzen den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch. Sogar in der Freizeit ist der Grossteil der Menschen in Ruhestellung. Vor dem Fernseher oder hinter einem Buch – aber auf jeden Fall auf dem Sofa.

Weitere Faktoren, die unsere Energiebilanz beeinflussen, sind die modernen Essgewohnheiten. Von Berufes wegen sind heute die meisten Männer und Frauen den ganzen Tag ausser Haus. Einerseits wird daher viel häufiger auswärts gegessen, das heisst, uns bleibt weniger Kontrolle über die Zutaten, die auf den Teller kommen. Andererseits sind die Mahlzeiten kleiner und praktischer geworden. Mikrowellen- und Schnellküchen-Produkte verzeichnen wahnsinnige Umsätze. Der Nährwert in den Single-Küchen hat somit rasant abgenommen. Mit kleineren Portionen in der Mittagspause kommt es dann öfter zum Nachmittags-Naschen. Leider bleibt es meistens nicht beim Apfel.

Die Schweizer werden immer dicker

2Die Schweiz ist keine Ausnahme. Über 30% unserer Landsleutesind übergewichtig: 2,2 Millionen so stark, dass ihr eigener Körper eine Gesundheitsgefährdung darstellt. Tendenz steigend! Und das, obwohl das Bundesamt für Gesundheit all seine Kräfte gegen diese Pandemie aufbietet. Denn das Übergewicht kommt dem ganzen Land teuer. In einem einzigen Jahr wurden so Kosten von 2,7 Milliarden Franken verursacht. Eine Katastrophe für die Krankenversicherer, eine Geldfrage für die Prämienzahler!

Studien zeigen, dass nicht alle Schweizer gleichermassen betroffen sind. Im Grunde gelten folgende Regeln: Junge, sportliche, ernährungsbewusste, gebildete und reiche Menschen sind weniger von der Volkskrankheit Übergewicht betroffen. Senioren, Couch-Potatoes, Schulabgänger und Sozialhilfebezieher sind die grössten Risikogruppen. Besonders überraschend: Männer tendieren eher zu Übergewicht als Frauen. In der Schweiz sind 39% der Männer und nur 22% der Frauen betroffen.

Warum die einen gefährdeter sind als die anderen, das konnten die Studien nicht eindeutig klären. Experten gehen davon aus, dass Haushalte mit wenig Geld häufiger zu den billigsten Produkten im Supermarkt greifen - jene Produkte, die den schlechtesten Nährwert haben. Es stellt sich die Frage: Was kam zuerst, das Übergewicht oder der unterprivilegierte soziale Status? Denn Übergewichtige erfahren in unserer Gesellschaft eine Diskriminierung. Sie haben bei Vorstellungsgesprächen und bei Bewerbungen für höhere Schulen weniger Chancen und haben somit weniger gute Aussichten auf einen anständigen Lohn.

Auch die Psyche spielt eine Rolle bei der Gewichtszunahme. Wer sich einsam fühlt, greift gerne mal zur Keksdose – laut Statistiken besonders die Frauen. Der Frustesser wiederum isst nicht aus Genuss, sondern zur Stressbewältigung. Aber auch ohne den Griff zum Kühlschrank nehmen gestresste und unglückliche Menschen leichter zu. Wer über lange Zeit umweltbedingten Belastungsreizen ausgesetzt ist, produziert mehr körpereigenes Kortisol, welches wiederum die Entwicklung von Fettgewebe in gewissen Körperteilen fördert.

Die Schweiz setzt auf Prävention

3Die wichtigsten Faktoren für die schlanke Linie: gesunde Ernährung und sportlicher Ausgleich. Mindestens eine halbe Stunde Bewegung am Tag und eine ausgewogene Ernährung, die vorwiegend aus pflanzlichen und fettarmen Produkten besteht.

Der Grossteil der Schweizer Bevölkerung scheint sich aus diesen Richtlinien jedoch nichts zu machen: Nur ein Drittel der Erwachsenenbevölkerung treibt genügend Sport. Der Rest bewegt sich kaum! Auch beim Essen läuft einiges schief: 41% der über 15-Jährigen essen nicht täglich Gemüse und Obst, 36% konsumieren fünf Mal pro Woche Fleisch oder Wurst und 10% essen keinen Fisch.

Mit dem Suisse Balance-Programm setzt die Schweiz jetzt auf die Prävention von Übergewicht. Bisher mit wenig Erfolg. Denn die Kilos machen sich schon bei den Kindern bemerkbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus übergewichtigen Kindern übergewichtige Erwachsene werden, ist sehr gross. Und selbst wenn sie diesen Teufelskreis durchbrechen und später ein gesünderes Leben führen, so sind ihre Körper dennoch von den „Kindheitssünden“ geprägt – sie sind ihr Leben lang anfälliger für Krankheiten.

Forschungsergebnisse zeigen, dass Erwachsene ihr Essverhalten beibehalten, auch wenn sie über deren negative Auswirkungen erfahren. Wie und was wir essen, ist also hauptsächlich auf die Gewohnheit und die Psyche zurückzuführen. Umso wichtiger ist es, schon den Kleinkindern gesunde Ernährungsgewohnheiten zu vermitteln. Die Gesundheitsförderung wird daher künftig bei der Prävention auf die ganz Kleinen setzen.

Tipps für einen gesunden Körper

4Zu viele Kilos Fett. Unsere Knochen haben schwer zu tragen und auch die Gelenke machen nicht mehr mit. Sie werden frühzeitig abgenützt, verursachen Schmerzen und schränken die Beweglichkeit weiter ein. Schade, denn neben den gesundheitlichen Schäden und der sozialen Ausgrenzung, können sich diese Patienten kaum mehr an einem positiven Körpergefühl erfreuen.

Schon ein bescheidener Gewichtsverlust kann diese Probleme verringern. Die Zauberformel ist nicht schwierig: gesünder essen und sich mehr bewegen. Dennoch ist eine Therapie langwierig und schwierig, insbesondere, wenn der Patient stark übergewichtig ist. Diese Menschen müssen lernen, langfristig ihren Lebensstil umzustellen. Zu strenge Diäten sind nicht empfohlen – sie können zu Mangelerscheinungen und Essstörungen führen. Ausserdem sind sie nicht nachhaltig.

Also immer langsam, Schritt für Schritt: mehr Bewegung, mehr Beweglichkeit, mehr Spass am Körper! Bei Tisch mehr Gemüsevariationen, mehr Wasser und ungesüssten Tee und hin und wieder ein Stück Schokolade. Wer sich daran hält, erlebt schon nach wenigen Wochen die ersten Erfolge. Ein schlanker gelenkiger Körper hat auch Auswirkungen auf die Psyche – das neue Körpergefühl verleiht Energie und Tatendrang!