Interview mit Sergej Gerasjuta, Initiator des Hilfswerks in der Ukraine

 

„Es ist meine Berufung zu helfen und mein Glaube ist die Antriebskraft.“

Sind Sie selbst ein Ukrainer, Herr Gerasjuta?
   Um diese Frage korrekt zu beantworten, muss ich etwas ausholen und in die Vergangenheit blicken. Ich bin weit im Osten Russlands geboren und aufgewachsen. Die Stadt heisst Chabarowsk. Vielleicht kennen Sie Wladiwostok eher, das ist relativ in der Nähe. Dort lebte ich bis zu meinem elften Lebensjahr. Das war anfangs der Achtziger Jahre. Dann trennten sich meine Eltern. Meine Mutter  hatte einen Ukrainer kennen gelernt. Wir fuhren über den halben Kontinent, mehr als 10.000 Kilometer, in seine Heimat. Solch lange Reisen waren zu diesem Zeitpunkt in der ehemaligen Sowjetunion nichts Ungewöhnliches. Viele Russen fuhren gerne auf die Krimhalbinsel in die Ferien, weil das Klima dort sehr mild ist.

Und wie kamen Sie schliesslich in die Schweiz?
Auf Umwegen! Damals liebte ich die Herausforderung, komplizierte mathematische oder physikalische Themen zu studieren. Ich machte an der bekannten Moskauer Universität Lomonosov die Aufnahmeprüfungen. Als ich diese bestand, immatrikulierte ich mich für ein betriebswirtschaftliches Studium. Ich gehörte zu einer Studentengruppe, die internationale Austausche pflegte. Sie müssen sich vorstellen: dies war zur Zeit von Glasnost  und  Perestrojka.  Die Sowjetunion begann sich für den Westen zu öffnen. Wir luden Studenten aus anderen Ländern zu uns ein – und umgekehrt. So kam es, dass ich an eine Konferenz nach Fribourg in die Schweiz eingeladen wurde. Dort war ich zu jener Zeit ein Phänomen: es gab nun wirklich noch nicht viele russische Studenten in Westeuropa.

Warum wollten Sie die Ukrainer unterstützen?
Sehen Sie, zu Zeiten des sowjetischen Reiches ging es den meisten ukrainischen Familien relativ gut. Alle hatten genug zu essen und Arbeit und einen festen Ort zum Leben. Dies änderte sich mit der Unabhängigkeit. Es ging wirtschaftlich immer mehr bergab. Meine Mutter hatte sich von ihrem zweiten Mann getrennt. Ich unterstützte sie von der Schweiz aus, so gut ich es konnte. Das Studium hatte ich deshalb auch abgebrochen, um Geld zu verdienen. Es war mir sehr wichtig, dass ich meiner Familie in der Ukraine helfen konnte.

Was haben Sie in der Schweiz gearbeitet?
Anfangs arbeitete ich wie so viele Migranten im Gastgewerbe. Dann hatte ich eine Aufgabe beim Schweizerischen Roten Kreuz in Zürich, nichts Konkretes im Kontext mit der Ukraine: es war in der Administration. Da hatte ich die Vision: karitativ für mein Heimatland (die Ukraine) etwas zu unternehmen. Ich fragte mich immer wieder, wie ich noch mehr Menschen helfen könnte? Die Not war an vielen Orten so gross! Immer mehr Menschen wandten sich an mich. Anfangs finanzierte ich alles mit meinem Lohn!

Welchen Personen helfen Sie konkret?
1995 begann ich mit persönlichen Briefen aus der Ukraine, um in der Schweiz finanzielle Unterstützung zu sammeln. Ein grosses Anliegen zu dieser Zeit war mir auch, schwangeren Frauen zu helfen, denn Sie kamen oft in Not, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringen wollten. Es gab auch viele Obdachlose, um die sich niemand kümmerte. Insbesondere alte Menschen litten an der Armut. Mein christliches Glaubensgut ist die Triebkraft, warum ich diesen Menschen helfen will!  Sie müssen wissen, dass in der Ukraine die Menschen zwar ärztlich äusserst professionell vom Staat versorgt werden. Jedoch müssen sie sämtliche Materialien im Spital oder vom Arzt sowie Medikamente zur Heilung oder Therapierung selber finanzieren. Viele verschulden sich, um die Verwandtschaft und die Familie in einem solchen Fall zu unterstützen. Daran scheitern die Ärmsten in dieser Gesellschaft, denn viele leben mit oder unter dem Existenzminimum. Diese Hilfsbedürftigen wenden sich dann in der Ukraine an unsere Sozialarbeiter/innen. Es ist eine wichtige Aufgabe, die jeweilige persönliche Lebenssituation sorgfältig zu prüfen, um zu klären, ob sie unterstützungsbedürftig sind.

Gibt es andere Hilfsorganisationen, welche diese Direkthilfe leisten?
Grundsätzlich gibt es viele Projekte in der Ukraine, welche in erster Linie das Ziel haben, das gesamte gesellschaftliche und soziale System zu stärken und aufzubauen. Eine persönliche Unterstützung ist dabei jedoch nicht vorgesehen. Deshalb hat es mich auch so sehr getroffen, als man mir mitteilte, es gebe wirklich schon genug in der Schweiz tätige  Hilfswerke. Es brauche meine Hilfe nicht auch noch! Welche Ironie! Jemand, der so etwas sagt, hat noch keinen Tag bei der materiell wenig begüterten Gesellschaftsschicht in der Ukraine verbracht! Immer wieder warf man mir auch vor, dass meine Spendenaktionen viel zu emotional seien.

Wie leben beispielsweise Rentner/innen in der Ukraine?
Ein Rentner lebt mit einer monatlichen Rente von ungefähr achtzig Dollars. Damit muss man in der Ukraine zwar keine Mieten bezahlen. Die meisten Häuschen oder Wohnungen gehören den Bewohnern. Bei der Unabhängigkeitserklärung erhielten die Menschen den Ort, wo sie lebten, als Besitz. Dafür sind sie nun natürlich finanziell bei Reparaturen, im Brandfall, bei Wassereinbruch usw. selber verantwortlich. Es fallen hohe Nebenkosten wie Gas, Strom, Wasser an. Das Geld reicht dann noch knapp für die einfachsten Lebensmittel, sodass auf dem täglichen Menuzettel beispielsweise Brei-se in allen Varianten auftreten. Frisches Gemüse und Früchte kann sich nur leisten, wer selber einen Garten oder ein gutes Einkommen hat. Fleisch ist sowieso zu teuer für die meisten Leute, die kein regelmässiges oder ein tiefes Einkommen haben. So kommt es, dass wir oft von jungen Menschen um Unterstützung angefragt werden, weil sie ihren Eltern oder Grosseltern helfen wollen. Es ist jedoch auch wichtig, dass diese Menschen ihre Bildung nicht vernachlässigen, um später nicht selbst in die gleiche soziale und materielle Abwärtsspirale zu fallen. Auch hier unterstützen wir mit dem Jugendprogramm konkret und unbürokratisch.

Wie gehen/gingen Sie mit den Anfeindungen und Beschuldigungen in den Medien um?
Es ist mir immer schwer gefallen, zu verstehen, warum dieser Spenderkampf unter den Hilfswerken besteht. Es geht doch nicht darum, dass irgendjemand mehr oder weniger Geld gesammelt hat. Das Ziel sollte für alle wichtiger sein als die Methoden. Es hat mich jeweils sehr traurig gemacht, wenn ich in den Medien las, dass ich ein Strafverfahren am Hals hätte. All diese Gehässigkeiten. Ich konnte es nicht verstehen. Warum konnte man mich nicht einfach in Ruhe lassen? Warum wollte man nicht mit  mir  kooperieren, statt mich zu torpedieren? Letztes Jahr habe ich rund 900’000 Franken für die Ukraine gesammelt.

Man hat Ihnen vorgeworfen, Sie hätten das SRK als Vorwand für Aktionen missbraucht.
Dies stimmt so nicht. Das Rote Kreuz in Nikolajew bat mich um eine gemeinsame Spendenaktion. Ich war wohl ein bisschen zu wenig vorsichtig, denn ich wusste nicht, dass keine Bewilligung des internationalen Roten Kreuzes vorlag. Denn das Rote Kreuz vor Ort hatte keine Berechtigung, in der Schweiz Spendengelder zu sammeln. In Nikolajew hatte man dies administrativ wohl einfach übersehen. Mir jedoch warf man in den Medien später vor, ich hätte das weltweite Symbol des SRK für meine Spendenaktionen missbraucht. Tatsache war jedoch, dass diese Aktion nicht mehr eingebracht hatte als jede andere.

Die Medien kritisierten, dass SOS Gerasjuta kein Verein oder Stiftung sei?
Das ist eine traurige Geschichte. Anfangs gründete ich einen Verein. Doch die anderen Vorstandsmitglieder fielen mir schon bald in den Rücken und kritisierten die Art und Weise, wie ich gerne Spendengelder gesammelt hätte – mit den persönlichen Briefen. So kam es, dass ich den Verein SOS International verliess und alleine weiter arbeitete. Der Verein operierte weiterhin mit der gleichen Adressenkartei wie ich. Er existiert unterdessen nicht mehr. Ich möchte gerne zukünftig wieder einen Verein gründen. Mir ist jedoch in diesem zweiten Anlauf wichtig, dass der Vorstand wirklich hinter der Philosophie von SOS Gerasjuta steht.

Es existierte gar der Vorwurf, Sie wären in der Partnerschaftsvermittlung verwickelt?
Ja, ich weiss. Die Situation ist zu grotesk. Einmal habe ich eine kleine Broschüre mit Fotos und Texten von Jugendlichen aus der Ukraine gemacht. Diese wurde in die Haushaltungen verschickt. Das Ziel  war, dass die jungen Menschen mit anderen aus der Schweiz in Kontakt treten könnten: via Internet und Email. Die jungen Menschen in der Ukraine sind sehr patriotisch und lieben ihr Land. Aber anderseits schweifen sie auch sehnsüchtig mit ihren Gedanken in die Ferne und möchten mehr erfahren und erleben. Leider sieht es so aus, dass einfach alles verunglimpft werden kann, wenn man es nur darauf angelegt hat, den Ruf von jemandem zu ruinieren. An dieser Stelle möchte ich mich bei all jenen Spender/innen bedanken, die sich nie von den boshaften Anschuldigungen in den Medien haben beeinflussen lassen und weiterhin ihre grosszügige und solidarische Unterstützung den Bedürftigen haben zukommen lassen.

Was möchten Sie mit der vorliegenden Zeitschrift bewirken? 
Insbesondere möchte ich Transparenz, was die Aktivitäten von SOS Gerasjuta in der Ukraine betrifft. Wen haben wir unterstützt? Wie haben wir geholfen? Wie wurden die Spendengelder in der Direkthilfe eingesetzt? Auch werden Sie Hintergründiges über die Menschen und die Kultur der Ukraine erfahren. Es ist wichtig, den Schritt über die Grenzen zu wagen. Aber auch Alltägliches, Unterhaltendes, Wissenswertes, Erheiterndes werden Sie auf den nächsten Seiten finden. Und dabei möchte ich Ihnen im Namen des ganzen Journalisten-Teams viel Freude und Entdeckergeist wünschen. Sollten Sie etwas zu irgendeinem Thema beizutragen wünschen, freuen wir uns auf einen Leserbrief.