“Warum unterstütze ich die Arbeit von SOS Gerasjuta?”

Nie wäre ich von selbst auf die Idee gekommen, eine Reise in die Ukraine zu planen oder anzutreten. Mich zieht es normalerweise in den Süden oder ganz in den Westen, nach Brasilien. Ich verstehe die russische Sprache nicht und kann die Schrift nicht lesen. Deshalb fühle ich mich dann unfähig, Menschen kennen zu lernen und mich in ihr Denken, in ihre kulturelle Eigenart einzufühlen.

Als ich im Frühling 2005 in der Post von  «SOS Gerasjuta»  die Einladung zur Seminar- und Kulturreise von Sergej fand, hatte ich sofort das Gefühl: Auf dieser Reise könnte ich, ohne selber die Sprache zu beherrschen, Einblick gewinnen in ein Land, in eine andere Kultur und vor allem in eine Organisation (SOS Gerasjuta), von der ich bis dahin zwar das Gefühl hatte, sie sei gut und notwendig, aber deren Wirkungsbereich und Wichtigkeit ich (noch) nicht kannte und einschätzen konnte. Recht kurzentschlossen meldete ich mich also an, zusammen mit meiner russisch sprechenden Schwester. Am Morgen des 8. Juli (Samstag) standen wir also voller Vorfreude und mit grossen Erwartungen am Flughafen in Zürich, gespannt auf die Begegnung mit Sergej, der die Reise persönlich leitete, und auf die anderen Reiseteilnehmer. Ein wunderbarer, ruhiger Flug bei schönem Wetter brachte uns in wenigen Stunden nach Kiew. Erste Gespräche mit Sergei im Flugzeug, am Flughafen in Kiew und unterwegs zu unserer ersten Unterkunft hinterliessen in mir schon das sichere Gefühl, dass wir gut aufgehoben waren und sein würden. Ein erster Spaziergang durch die nächtliche Hauptstadt der Ukraine weckte das starke Bedürfnis, mehr zu wissen, zu erfahren, zu lernen.

Kiew-Erlebnis
Der nächste Tag war vollbepackt mit Eindrücken verschiedenster Art: Auf der einen Seite wurde unsere «touristische Neugierde» mit einer per Bus durchgeführten Stadtrundfahrt befriedigt, auf der uns die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt gezeigt wurden, auf der anderen Seite wurden wir bereits an diesem ersten Tag mit einer ganz anderen Realität konfrontiert. Mit der Realität derjenigen Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen müssen, d.h. konkret, mit denjenigen Menschen, die Sergej Gerasjuta mit dem von ihm ins Leben gerufenen Hilfswerk unterstützt: In Form eines Besuches in einem  Krankenhaus Kiews bei zwei an Hirntumor erkrankten Jungen, deren Familien mit der Unterstützung von «SOS Gerasjuta» das Geld für Operation, Spitalaufenthalt und Medikamente aufbringen konnten, und die nur Dank dieser Unterstützung die Hoffnung auf Genesung erhalten hatten.

In dieser Nacht rollten wir – vorbei an endlos scheinenden Sonnenblumenfeldern - im Nachtzug dem eigentlichen Ziel unserer Reise, der Stadt Nikolajew, entgegen: Müde, den Kopf schon voller Erinnerungsbilder und mit der erwartungsvollen Frage in uns, was wohl in den folgenden Tagen alles auf uns zukommen würde.

Seminar-Beginn

Nikolajew, unser Heim für die kommende Woche, begrüsste uns am kommenden frühen Morgen mit Sonnenschein und warmem Sommerwetter. Gut untergebracht in einem zentral gelegenen Hotel waren wir nun jeden Morgen eingespannt in  Seminarprogramme aller Art, in denen wir zusammen mit Sergej, den Mitarbeiter/innen von «SOS Gerasjuta» und vielen Jugendlichen, die in Sergejs Projekt eingebunden sind, versuchten, auf spielerische Weise dem Alltag, der  Denkweise, den Problemen, Hoffnungen und Lebenskonzepten und der Eigenart der Ukrainer/innen näher zu kommen, sie unserer eigenen Lebens- und Denkart gegenüberzustellen und bei allen Unterschiedlichkeiten das Verbindende zu finden. Viel liebevolle Sorgfalt und Arbeit steckte  in den Vorbereitungen und der Durchführung dieser allmorgendlichen Stunden des Zusammenseins, und beeindruckt haben mich vor allem das grosse Interesse, die Neugierde und der aufmerksame Respekt, mit denen uns die jungen Menschen begegneten.

Fast rund um die Uhr wurden wir von unseren neuen, meist sehr jungen Freunden und Freundinnen betreut und umsorgt. Fast alles unternahmen wir gemeinsam:
Spaziergänge und abendliche Bummeltouren durch die Schlenderstrasse der Stadt, dem Fluss entlang, in Parks, durch den schönen, von vielfältigsten Tierarten besiedelten Zoo, über Märkte und Flohmärkte etc.

Das Kennenlernen der ukrainischen Kultur und bedürftiger Familien

Tagesausflüge nach Odessa und der altrömischen Stadt Olvia ermöglichten uns weitere Einblicke in die ukrainische Kultur und Geschichte. Es boten sich aber immer auch Möglichkeiten zu neuen Gesprächen, zum Austausch und  zum Sich-näher-Kommen.

Die Nachmittage waren  meist so geplant, dass wir einen wirklichen Einblick in das Leben und den Alltag derjenigen Menschen erhalten sollten, die dank finanzieller Unerstützung durch Sergejs Organisation einen Ausweg aus fast hoffnungslos scheinenden Lebenssituationen gefunden haben: Wir besuchten einige Familien in ihrem Heim, in ihren vier Wänden. Ausnahmslos überall wurden wir mit offenen Armen und- Herzen empfangen, aufgenommen und - trotz offensichtlicher Armut- fürstlich bewirtet. Jeder Besuch war ein Fest, und die Grosszügigkeit und Offenheit dieser Menschen ist mir etwas vom Unvergesslichsten, das ich je erlebt habe.

Besucht haben wir im Laufe dieser Woche noch ein weiteres Spital, diesmal in Nikolajew selber. Eine eindrückliche Führung  durch verschiedene Abteilungen  der Klinik, insbesondere der Frühgeburten- und Kleinkinderstation, und ein anschliessendes Gespräch mit einer leitenden Ärztin liessen uns erahnen, wie viel Leid einerseits hinter den Spitalmauern verborgen ist, unter welch schwierigen Bedingungen gearbeitet werden muss. Aber auch welch unglaublich grosser, selbstaufopfernder Einsatz von Seiten der Ärzte und des Pflegepersonals in grosser Selbstverständlichkeit geleistet wird. Beim Abschied der unüberhörbare, eindringliche Appell der Ärztin an uns Menschen aus einem reichen Land mit ganz anderen Problemen: Vergesst uns nicht, wenn Ihr zurück seid in Eurem Land. Wir können unsere Arbeit nicht weiterführen ohne Hilfe von aussen.

Nie vergessen werde ich sicher auch unseren letzten Tag in Nikolajew: Gleich wie am ersten Tag unseres Aufenthaltes zur Begrüssung hatte Sergej einen Grossteil der Hilfsempfänger zu unserem Abschied in sein kleines Büro eingeladen. Ganze Familien kamen angereist und versammelten sich in der Enge und Hitze des kleinen Raumes, um ihre Dankbarkeit auszudrücken und der Hoffnung eine Stimme zu verleihen, dass ihre Not nicht vergessen werden wird, dass wir- einmal zurück in der Schweiz- unsere finanzielle Hilfe weiterhin einem Land, einem Städtchen, Menschen zukommen lassen werden, die keine Aufmerksamkeit von den grossen Hilfsorganisationen geniessen.

Bin ich eine andere geworden in der Ukraine

Wieder die lange Zugfahrt durch weite, flache Landschaft mit den immensen Sonnenblumenfeldern zurück nach Kiew und von dort zurück in die Schweiz. Bin ich eine andere geworden in der Ukraine? Was habe ich gelernt auf dieser Reise in eine mir unbekannte Welt? Ich habe gelernt, dass ich auch ohne grosse Sprachkenntnisse mit Menschen in  Beziehung treten kann, dass meine eigene Offenheit die Grundbedingung zu wahren Begegnungen ist, aber vor allem habe ich einmal mehr erfahren, was Gastfreundschaft und Grosszügigkeit sein kann: Menschen, die geben, ohne selber mehr als das Nötigste zum Leben zu haben. Ich hoffe, ich habe für mich selber gelernt, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, echte Probleme von «Nobelsorgen» zu unterscheiden. Ich habe gesehen, welch uneigennützigen Einsatz  Sergej in seiner Heimat leistet und ich wünsche mir, dass seine Organisation «SOS Gerasjuta»  von einer viel breiteren Bevölkerungsschicht wahrgenommen und unterstützt wird. Nur so kann aus einem «kleinen Tropfen auf einen heissen Stein» ein wirklicher See oder sogar ein Meer werden.