Elisabeth Rothen: "Spüre die Nähe zu den Menschen, die ich über SOS Gerasjuta unterstütze"

Zimmer 108, Altersheim Jura­blick in Niederbipp - hier wohnt Elisabeth Rothen. Sie ist 82 Jahre alt, aber noch ganz frisch und munter. Eine fröhliche Frau, die das Leben zu geniessen weiss und dabei das Schicksal anderer nicht vergisst.
Im Laufe von über fünf Jahren machte Frau Rothen ein- oder mehrmalige Spenden für rund ein Dutzend hilfsbedürftiger Menschen in der Ukraine über das Hilfswerk SOS Cerasjuta. Ihre direkte Hilfe ist vor allem Kranken, mittellosen Familien sowie alleinerziehenden Müttern und deren Kindern zugute gekommen. Aber auch sonst hat sie ein offenes Herz für das Leid anderer und hilft, wo sie kann.

    Kindheit in turbulenten Zeiten

Elisabeth Rothen wurde 1925 in Mittelhäusern, in der Gemeinde Köniz geboren. Sie ist gebürtige Schweizerin und in einer Zeit aufgewachsen, als auch dieses reiche Land sparen musste, wo es ging. In den 30er Jahren gab es grosse Arbeitslosigkeit. Frau Rothen erinnert sich noch genau, wie schwer es ihre Eltern damals hatten. Ihre Mutter war Schneiderin und ihr Vater Schreiner – zur Zeit der grossen Depression mussten auch sie die Zähne zusammenbeissen. Verhältnismässig ging es ihrer Familie gut. Es gab genug zu essen, allerdings sehr einfach, bescheiden und wenig Fleisch. Mit 15 Jahren ist die junge Elisabeth in das Lehrerinnenseminar gegangen. Das war das Jahr 1939, als sich ganz Europa im Krieg befand. Die Ausbildung dauerte vier Jahre. In der Schweiz herrschte Frieden, nur wusste niemand, ob Hitler auch dieses Land angreifen würde. Regelmässig gab es Fliegeralarm und die Wirtschaft ging bergab. Frau Rothen musste nie Hunger leiden, denn Gemüse und Obst gab es genug. Aber sonst wurde alles rationiert: Brot, Mehl, Reis, Zucker, Fett, Butter und Käse.

    Hilfe für Kriegsflüchtlinge

Nach dem zweiten Weltkrieg war Frau Rothen bereits eine selbständige Frau, auch wenn ihr Lehrgehalt sehr bescheiden war – nicht viel mehr als 130 Franken hat sie damals verdient. Selbst wenn sie noch ganz am Anfang ihrer Karriere stand, steckte sie immer etwas auf die Seite für jene Menschen, die nichts hatten. Damals brauchten vor allem die vielen Kriegsflüchtlinge Hilfe. Bei den Sammelaktionen beteiligte sich die heranwachsende Frau, denn das Schicksal ihrer Mitmenschen lag ihr schon damals sehr am Herzen. Mit 23 Jahren hat Elisabeth Rothen geheiratet und dann drei Kinder bekommen. Mit ihrem Mann führt sie bis heute eine vorbildliche und liebevolle Ehe. Die Familie war ihrer Zeit voraus: Frau Rothen war die Hauptverdienerin, während ihr Mann sich um die Kinder gekümmert hat. Sie war nie reich, dafür aber immer zufrieden, denn sie konnte das schätzen, was sie hatte. Ein Stück von ihrem Glück wollte sie immer an jene Menschen weiter geben, die auf der Schattenseite des Lebens standen. „Es tut mir weh, wenn ich mir vorstelle, wie wir hier jeden Tag ein gutes Essen haben und alles, was wir brauchen. Und in vielen Teilen der Welt haben sie nicht das Nötigste. Hier haben wir Frieden und dort herrscht grausamer Krieg“, erzählt sie. Deshalb hat sie sich immer für soziale Projekte engagiert.

    SOS Gerasjuta treu geblieben

Nicht nur die Arbeit von SOS Gerasjuta hat sie unterstützt; auch für andere Hilfswerke hat sie immer wieder gespendet. Auf dem Tisch in ihrem Wohnzimmer liegt ein Stapel Post – so viel Post hat sie bekommen! Manchmal sind es mehr als ein Dutzend Briefe. Besonders vor den Festtagen kommen sehr viele Spendenaufrufe. Und immer wieder hat sie gegeben, weil die Not auf der Welt sehr gross ist. Irgendwann ist es einfach zu viel geworden. Frau Rothen hat ihre Post gezählt und festgestellt, dass sie insgesamt 77 Organisationen in den vergangenen Jahren unterstützt hat! Letztes Jahr wurden die Pensionstaxen erhöht und so haben Frau Rothen und ihr Mann beschlossen, ihre Spenden zu begrenzen. Manchen Hilfswerken spenden sie jetzt nur noch ein Mal im Jahr; andere unterstützen sie mehrmals, aber jedes Mal nur mit ein paar Franken. Schön, dass die Familie Rothen sich entschieden hat, die Arbeit von SOS Gerasjuta weiterhin zu unterstützen! Der Grund: Frau Rothen findet die Arbeit dieses Hilfswerks besonders gut, weil „man die Nähe hat - oder bekommen kann - zu den Leuten, die man unterstützt.“ SOS Gerasjuta ist eben einzigartig, denn die Spenden gehen nicht in grosse, unüberschaubare Projekte, sondern direkt an auserwählte hilfsbedürftige Einzelpersonen.    

    Eine grenzüberschreitende Freundschaft

Eine sehr enge Beziehung hat Frau Rothen zu Frau Kowaljowa aus Nowaja Odessa in der Ukraine aufgebaut. Selbst ist sie zwar noch nie dort gewesen, aber sie weiss, die Menschen sind in dieser Region sehr arm. In ihrer Not sind sie ganz auf sich gestellt, ohne dass der Staat ihnen hilft. Ins Spital müssen sie sogar ihre eigenen Medikamente mitnehmen. Frau Kowaljowa ist Witwe und lebt mit ihrer Adoptivtochter Wika. Die alleinerziehende Frau leidet an Brustkrebs und jetzt ist auch noch ihre Leber lebensbedrohlich erkrankt. Frau Kowaljowa ist arbeitsunfähig und lebt mehr schlecht als recht. Sie weiss nicht, wie sie das Geld für die Medizin und die Behandlungskosten aufbringen soll. Ihr Haus ist überall kaputt und die Reparaturkosten kann sie sich auch nicht leisten. Der Regen kommt sogar durch das Dach. Besonders besorgt ist Frau Kowaljowa um die Adoptivtochter Wika, die viel zuhause hilft. Wika ist 16 Jahre alt und gerade mit der Schule fertig. Sie würde gerne Friseurin werden, aber sogar die Lehre ist teuer. Frau Rothen aus der Schweiz und Frau Kowaljowa aus der Ukraine verbindet eine enge Freundschaft. Die ukrainische Freundin hat ihr „ganz besonders weh getan in ihrer Not“. Alle zwei Monate überweist Frau Rothen Geld, um für das Nötigste zu sorgen. Frau Kowaljowa schreibt regelmässig dankbare Briefe und schildert ihre Lebensumstände.

    Lichtblick für ein Dutzend Menschen

Nicht nur Frau Kowaljowa und ihre kleine Wika sind für die Hilfe dankbar. Da war noch jener Junge und seine Schwester, die ganz auf sich allein gestellt waren – die Mutter tot, der Vater im Gefängnis. Oder der Sportlehrer, der ein Krebsgeschwulst an seinem Knie hatte und sich das dringend benötigte künstliche Kniegelenk nicht leisten konnte. Und dann noch eine alleinstehende Frau mit einem kleinen Mädchen, das schwere Missbildungen hatte. „Ihre Beinchen waren ganz verdreht“, kann sich Frau Rothen traurig erinnern. All diese Menschen kamen über das Spital in Nikolajev an SOS Gerasjuta und erhielten dort Hilfe. „Es schneidet mir ins Herz, von Menschen zu hören, die krank sind und vom Staat keine Hilfe bekommen und in ihrer Umgebung grosser Gleichgültigkeit begegnen“, erzählt Frau Rothen. All diese notleidenden Menschen vom Spital in Nikolajev sind nur ein paar Beispiele – noch viel mehr Menschen hat Frau Rothen geholfen. Sie hat die vielen Hilferufe und die ganz persönlichen Dankesbriefe alle liebevoll in einer Mappe gesammelt. Die ersten Briefe stammen aus dem Jahr 2002.

    Mitleid und Nächstenliebe als Antriebskraft

Woher nimmt sie die Kraft, all diesen Menschen zu helfen? Man muss nicht steinreich sein, um Notleidenden zu helfen. Was man braucht ist Mitleid, Nächstenliebe und ein offenes Herz. Frau Rothen hilft, wo sie kann – vor allem hat sie grosses Mitleid mit diesen Menschen. Das Mitleid ist nicht der einzige Beweggrund für ihren aktiven humanitären Einsatz. Auch die christliche Nächstenliebe spielt eine wichtige Rolle in Frau Rothens Leben. Ihr Motto ist jener zentrale Satz von der Lehre Jesu: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Ausserdem gibt sie sich Mühe, die zehn Gebote einzuhalten und das zu leben, was im Vater-Unser-Gebet enthalten ist.

    Tun auch Sie Gutes!

Frau Rothen ist eine zufriedene und bescheidene Frau. Das Interview hat sie gerne gegeben, aber sie will nicht zu gross rauskommen. Ihre erste Sorge war: „Hoffentlich lesen dann nicht Leute den Bericht, die mich kennen.“ Denn Gutes tut sie gerne, aber damit prahlen, das will sie auf keinen Fall. Tatsache ist nun mal, dass Frau Rothen vielen Menschen geholfen hat und weiterhin hilft. Besonders Frau Kowaljowa aus Nowaja Odessa ist ihr ans Herz gewachsen – sie wird diese mutige Frau auch in Zukunft tatkräftig unterstützen. Vielleicht bewegen diese Lebensgeschichte und die vielen guten Taten dieser treuen Spenderin auch andere Menschen dazu, Gutes zu tun. Reichen auch Sie einem Bedürftigen die Hand!