Walter Schmutz: "Jeder Tag ist ein Geschenk"

Eine Person mit grossem Herzen! Seit rund vier Jahren ist Walter Schmutz einer der treusten und grössten Spender von SOS Gerasjuta. Insgesamt hilft er 127 Familien und Einzelpersonen. Doch seine Unterstützung ist nicht nur finanzieller Art. Wichtig für ihn ist vor allem, dass diese armen Leute auch seelisch wieder gesund werden. Insgesamt hat er 486 Briefe an die Notleidenden in der Ukraine gesandt – darin schickte er ihnen Hilfsmittel, Ratschläge und Gottes Segen.

Eineinhalb Stunden ist er vom Baselland mit dem Zug angereist, um uns einen Besuch im Büro von SOS Gerasjuta abzustatten. Mitgebracht hat er Fotos, Gedichte, Zeitungsausschnitte und Basler Leckerli. Rund zwei Stunden hat er uns über sein Leben erzählt, das spannend und von einer tiefen christlichen Überzeugung geprägt ist. Sein Besuch war uns eine wahre Freude, denn Herr Walter Schmutz ist ein sehr angenehmer Mensch: ruhig, zufrieden und vor allem fröhlich.

Freude, Familie und Liebe

Geboren wurde Herr Schmutz 1923 auf einem Bauernhof in Ebdingen. Er hatte eine grosse Familie: liebevolle Eltern, zwei Brüder und drei Schwestern. Doch das Glück war nicht immer auf seiner Seite. Sein Vater, starb als er erst vier Monate alt war. Eine Katastrophe für die zurückgebliebene Mutter und ihre Kinder. So kam es, dass der Onkel den Hof übernahm und die ganze Familie noch fleissiger bei den täglichen Arbeiten im Stall und auf dem Feld mithalf. Dabei kam eine seiner Schwestern ums Leben. Beim Heuen wurde sie von einer Biene in den Kopf gestochen. Nach zehn Tagen Bettruhe starb sie an einer durch den Bienenstich verursachten Infektion.

Heute ist Walter Schmutz 85 Jahre alt. Er ist der Letzte seiner Familie, der noch am Leben ist. Alle seine Geschwister sind inzwischen gestorben. Mit seiner Frau Emma lebt er in einem Haus in Gelterkinden, wo er bis heute eine glückliche Ehe führt. Freunde hatten ihn um Hilfe beim Holzen gebeten und dort hatte er seine Frau Emma kennengelernt. Neun Jahre nach ihrer ersten Begegnung - Emma war gerade erst 25 Jahre alt, verwitwet und hatte zwei kleine Kinder - heiratete das Paar. Herr Schmutz ist gesund und glücklich. Sein Motto: "Jeder Tag ist ein Geschenk".

Ein leidenschaftlicher Chauffeur mit sozialem Engagement

Der junge Walter Schmutz ging zur landwirtschaftlichen Schule und arbeitete viel zu Hause mit. Da sein Bruder den Hof übernahm, musste Walter erst seinen eigenen beruflichen Weg finden. Am Anfang half er auf dem Hof von Freunden, eine Zeit lang arbeitete er auf dem Bau. Schliesslich wurde er Chauffeur und ist es sein Leben lang geblieben. Mit grossen Lastwagen transportierte Herr Schmutz Baumaterial. Die Arbeit machte ihm Freude, denn sie war sein „Fleisch und Blut“, berichtet er.

Auch in seiner Freizeit konnte er der Tätigkeit als Chauffeur etwas abgewinnen. 1964 erschütterte ein heftiges Erdbeben Süditalien, bei dem tausende Familien ihr Zuhause verloren. Herr Schmutz beschloss, den Notleidenden im südlichen Nachbarland zu helfen. Er belud einen Bus mit Kleidung und Schuhen und fuhr damit nach Sizilien. Die zerstörten Strassen waren nur schwer befahrbar und viele Regionen waren abgesperrt. Er besuchte drei Dörfer – eines davon war dem Erdboden gleich. Insgesamt legte er 4500 km innerhalb einer Woche zurück.

Selbst nach seiner Pensionierung blieb Walter Schmutz Chauffeur. Seit über zehn Jahren hilft er ehrenamtlich Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Im Behindertentransport fährt er Behinderte zum Arzt, zum Einkaufen und unterstützt sie bei ihren Besorgungen. Noch heute macht er diese Tätigkeit ein bis zweimal die Woche. Für ihn ist diese Hilfe völlig selbstverständlich – hunderte von Menschen sind ihm für sein soziales Engagement und seine Unterstützung dankbar.

Direkt helfen mit SOS Gerasjuta

Vor rund vier Jahren ist Walter Schmutz mit SOS Gerasjuta in Kontakt gekommen. Damals hatte er die ersten Briefe und Hilferufe aus der Ukraine erhalten. Er beschloss, diese armen Menschen zu unterstützen und ist seither bei seiner Entscheidung geblieben, denn was ihm da besonders gefällt: "Der persönliche Briefverkehr. Man lernt die hilfsbedürftigen Leute kennen und weiss, wo das Geld hinkommt. Bei den grossen Hilfswerken weiss man das ja nie so genau". Deshalb bleibt er SOS Gerasjuta und den Menschen in der Ukraine treu.

Inzwischen hat er insgesamt 300 Briefe aus der Ukraine erhalten. Dort unterstützt er 127 Familien und Einzelpersonen und führt mit vielen von ihnen rege Korrespondenz. Selber hat er schon 486 Briefe geschrieben und diese den Menschen in der Ukraine geschickt. Wie schafft er das? "Ich unterstütze so viele mir möglich sind", sagt er. Der Briefverkehr verbindet – so hat Herr Schmutz in diesem fremden Land viele Bekanntschaften gemacht und Freunde gewonnen.

Briefe der besonderen Art

Vor Weihnachten hat Herr Schmutz beschlossen, seinen ukrainischen Brieffreunden eine Freude zu machen und ihnen etwas Nützliches zu schenken. Erst wollte er der Familie Tschernij - eine alleinstehende Frau mit vier Kindern - Socken schicken. Doch am Postschalter stellte sich heraus, dass das Geschenk zu gross für die Briefpost war. Er hätte es als Paket aufgeben müssen – das wäre zu umständlich und teuer gewesen. Herr Schmutz liess sich von seinem Vorhaben aber nicht abbringen.

Er ging zurück nach Hause und überlegte, was seine Freunde wohl am meisten gebrauchen könnten und hatte einen Einfall: Beim Haus der Bibel in Basel holte er dreissig religiöse Kalender in ukrainischer Sprache. Dann kaufte er Kopftücher, Halstücher und Schals – alles Gegenstände, die in ein Briefkuvert passen. Er schrieb 30 Briefe, legte jedem einen Kalender und eines der nützlichen Geschenke bei. Er verpackte jedes Päckchen sorgfältig in einem Briefkuvert. Die dreissig Briefe schickte er an dreissig Familien in der Ukraine. Mit der Vorbereitung für die Weihnachtsfreuden begann er im Oktober. Am 31. Dezember trug er den letzten Brief auf die Post.

Gerne hätte er noch mehr Familien mit seiner Hilfe bedacht, doch leider waren die Bibel-Kalender in ukrainischer Sprache bald ausverkauft. Auch während dem Jahr schickt Walter Schmutz viele Briefe in die Ukraine. Keine Massenversände, sondern persönliche Briefe mit Ratschlägen, Gedichten, Bibelzitaten und kleinen Geschenken. Ein junges Mädchen hat ihn zum Beispiel um Hilfe gebeten. Sie wollte eine Coiffeurlehre machen, hatte aber nicht das Geld für die Ausbildung. Herr Schmutz hat ihr also Post geschickt: eine scharfe Schere und einen kleinen Kamm.

Helfen mit Gottes Segen

Wie entscheidet Herr Schmutz, welche Bittbriefe er beantworten soll und welche nicht? Für diese Entscheidung verwendet er zwei Kriterien. Einerseits verlässt er sich dabei auf Gottes Hilfe. "Ich kenne die Leute weniger", sagt er, "aber Gott kennt sie und weiss, was sie nötig haben". Andererseits schaut er bei der Entscheidung auf die Familienmitglieder der Bittsteller. Handelt es sich um eine ganze Familie, wo der Vater noch lebt, lehnt er die Hilfe eher ab. Handelt es sich aber um Mütter und Kinder, die alleine sind, gibt er gerne seine Unterstützung.

Wichtig für Herrn Schmutz ist nicht nur die materielle Hilfe, sondern auch die seelische Unterstützung. "Die Menschen sollen auch seelisch gesund werden", erzählt er, "denn Jesus hat gesagt, er ist für Leib und Seele. Er hat Wert darauf gelegt, dass der Mensch erst seelisch zurecht kommt. Das Andere folgt nachher". Sein Rezept für die seelische Genesung ist einfach und doch sehr hilfreich. Es lautet: "Jeden Abend die Bibel lesen".

Die Frage, warum er so vielen Menschen hilft, weiss Herr Schmutz nicht sofort zu beantworten. "Wie soll ich das erklären?..", er sucht nach Worten. "Einfach, um zu helfen", sagt er. So selbstverständlich ist für ihn das selbstlose Handeln. Dann holt er ein Gedicht von Eva von Tiele-Winckler hervor, das seinen Lebensgedanken widergibt. Es beginnt so:

Geh nicht vorüber am Erdenleid!
Das Auge offen, die Arme weit!
Die Füsse eilend und stark die Hand,
sei Du ein Engel von Gott gesandt!

Eines Tages die Ukraine besuchen

Noch nie war Herr Schmutz in der Ukraine, aber es würde ihn schon reizen, einmal dorthin zu fahren. In der Zeitung hatte er ein Angebot für eine Kreuzfahrt auf dem Schwarzen Meer gefunden. Am Ende hatte er die Reise aufgrund des dichten Programms aber nicht gebucht. Er wäre zu gebunden gewesen und hätte keine Möglichkeit gehabt, seine Bekannten und Freunde in der Südukraine zu besuchen.

Inzwischen versucht er, Informationen über die Ukraine zu sammeln. Aus der Zeitung hat er mehrere Artikel gesammelt. Einer davon berichtete über einen Schweizer, der eine Brotbackmaschine gekauft hat, in die Ukraine gereist ist und dort Brot für arme Menschen gebacken hat. Ein anderer schildert eine Studienreise in die Ukraine, die von einer landwirtschaftlichen Schule organisiert wurde. Bei der Seniorenversammlung besuchte er einen Vortrag über die Ukraine, doch leider kannte der Vortragende nur den Norden des Landes.

Herr Schmutz ist aber am Süden der Ukraine interessiert, denn dort leben die Menschen, mit denen er Briefverkehr hat und die er regelmässig unterstützt. Vielleicht ergibt sich eines Tages doch noch eine Reise in das ferne Land…

 

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