Agnes Leib:
«Wer ist der Mensch, dem ich da helfe»

Agnes Leib lebt im grünen Teil Zürichs. Ihre Wohnung ist liebevoll eingerichtet: ein Klavier, ein Kamin mit einer lebensgrossen Puppe davor, grosse Fenster, durch die die Abendsonne hereinscheint. Der lange Balkon ist geschmückt mit Blumen und auf dem Wohnzimmertisch stehen Kekse und süsses Gebäck. Ein Zuhause zum Wohlfühlen. Hier wohnt Agnes Leib. Mit ihrem fröhlichen Charakter und einer grossen Lebenserfahrung weiss sie viel zu erzählen. Ihre Zuhörer bringt sie mit interessanten und durchaus ausgefallenen Berichten zum Staunen.

 

Eine wunderbare Kindheit – ohne wenn und aber

Agnes Leib wurde vor 76 Jahren im Kanton St. Gallen, in Gossau, geboren. Als drittjüngste Tochter einer grossen Bauernfamilie hatte sie eine überaus glückliche Kindheit. Liebevolle Eltern und neun Geschwister – nichts konnte diese heile Welt erschüttern! Auch nicht der Umstand, dass ein Bruder geistig etwas behindert war. Er hat die Schule trotzdem durchlaufen, auch wenn er den Eltern immer wieder Schwierigkeiten gemacht hat. Aber das hat eben dazugehört. Die Familie war deshalb nicht weniger glücklich. Nicht einmal der Krieg hat die kleine Agnes erschüttert. Noch heute kann sie sich gut daran erinnern – vielleicht war sie damals einfach noch zu klein, um sich zu fürchten. Sie besuchte die zweite Klasse der Primarschule und kam gerade nach Hause, als sie ihre Mama unter der Haustüre sah. Sie redete gerade mit ihrem Nachbarn und sagte: „Jetzt ist der Krieg ausgebrochen.“ Nach dem Kriegsbeginn wurden auch in der Schweiz die Lebensmittel rationiert, aber der Familie Leib fehlte es an nichts. Vom Bauernhof hatten sie ihr eigenes Mehl, Fleisch, Gemüse und Obst. Das Einzige, worauf die Kinder verzichten mussten, waren die beliebten Süssigkeiten und der Zucker. Agnes beeindruckte damals eine Spruchtafel, die in der Dorfbäckerei an der Wand hing. Darauf stand: „Altes Brot ist nicht hart, aber kein Brot, das ist hart.“ Was das bedeuten sollte, fragte sie sich damals immer wieder. Sie fand das einen ganz kuriosen Satz. Erst später wurde ihr dessen Sinn klar. Oft kam es in jener Zeit zu Fliegeralarm. Wenn die Flieger, beladen mit Bomben, immer wieder über die Dächer der Häuser hinweg flogen, gab es ein dumpfes Geräusch. Nachts bei Alarm musste die Familie sicherheitshalber aufstehen und in das oberste Zimmer im Haus gehen. Von dort aus konnten sie in der Ferne auf der deutschen Seite die Röte vom Feuer der Bombardierungen sehen.

Persönlicher Bezug zu den Menschen, die Hilfe brauchen

Nachdem sie zuerst zu Hause auf dem Hof mitgeholfen hatte, begann die junge Agnes Leib ihre Lehre als Krankenschwester. 39 Jahre blieb sie dem Beruf treu und war mit Leib und Seele dabei, obwohl es ein strenger Beruf ist. Sie hat ihre Arbeit geliebt, weil sie so viel zurück erhalten hat – so viel Dankbarkeit von den hilflosen Menschen bei ihr auf der Spitalabteilung. Dabei hat sich Frau Leib immer eine zentrale Frage gestellt: „Wer ist dieser Mensch, den ich da pflege?“ Das fragt sich Frau Leib noch heute. Wer sind diese Menschen, die unsere Hilfe brauchen? Das ist auch ein wichtiger Grund, warum sie bei SOS Gerasjuta mitmacht. Es sind die persönlichen Briefe, die ihr besonders gefallen. „Das ist schon etwas Spezielles“, sagt sie. „Ich weiss ganz genau, wem ich das Geld gebe. Dann kommt ein Dankschreiben zurück mit so viel Herzlichkeit und Dankbarkeit, dass ich animiert werde, immer wieder zu spenden.“ Viele Bittbriefe bekommt sie im Monat – fast zu viele. Mehrere Hilfsbedürftige schreiben ihr regelmässig. Seit drei Jahren unterstützt Agnes Leib nun SOS Gerasjuta. Aber auch von anderen Hilfswerken bekommt sie immer wieder Post. Bei SOS Gerasjuta hat sie immer wieder Frau Kowaliowa geholfen. Aber wer sie am meisten beeindruckt, ist Alexandr Bondarenko. Er hat deformierte Hände – eigentlich ist sein ganzer Körper durch eine seltene Hautkrankheit und missgebildete Gliedmassen entstellt. Frau Leib hat noch nie so etwas gesehen, obwohl sie Krankenschwester ist. Inzwischen hat sie Alexandr bei zwei wichtigen Anschaffungen mitunterstützt: Mit seinem neuen elektrischen Rollstuhl kann er sich endlich fortbewegen und dank eines speziellen Computers kann er sich jetzt auch schriftlich ausdrücken. Auch einen Studenten, Alexandr Burlja, hat sie unterstützt, damit er sein letztes Jahr am polytechnischen Institut beenden konnte. Auch das ist eine sinnvolle Art, Menschen zu helfen. Inzwischen hat er nichts mehr von sich hören lassen – ein gutes Zeichen, denn offensichtlich ist er jetzt nicht mehr auf die Hilfe angewiesen.

Eine innere Verbundenheit mit dem russischen Reich

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum Agnes Leib mit diesen Leuten aus der Ukraine besonders gut mitfühlen kann und sie besonders aktiv unterstützt. Einst gehörte die Ukraine zur Sowjetunion, und zu Russland fühlte sich Agnes Leib schon immer hingezogen. Vor Jahren hat ihr einmal eine ausländische Pflegerin gesagt: „Sie haben eine russische Seele.“ Frau Leib hat ihr recht gegeben. Tief drinnen fühlt sie eine Leidenschaft für Russland. Sollte sie schon einmal gelebt haben, dann sei das sicherlich in Russland gewesen, meint sie. Sie liebt die russische Musik, insbesondere die orthodoxen Kirchengesänge. Sie ist überzeugt, dass die Russen eine tiefe Seele haben. Und sie liebt St. Petersburg – die schönste Stadt der Welt.

Zweimal hat Agnes Leib diese Region schon bereist. Das erste Mal im Jahr 1976, zu Zeiten des Kalten Krieges also. Massentourismus in den Osten gab es damals noch keinen. Agnes Leib war furchtlos. Entschlossen setzte sie sich in ein russisches Flugzeug, um eine Städtereise nach Kiew, Leningrad und Moskau zu unternehmen. Doch als die Maschine startete, packte sie dann doch die Angst, denn es war alles rostig. Im Osten angekommen, musste sie ein Büro am Flughafengelände durchqueren. Es war wie eine andere Welt – auf einem Tisch im Büro standen lauter Schuhschachteln, in die man das Geld für die Stempel hineinlegen musste. „Wie das aussah“, erinnert sie sich noch heute mit Entsetzen.

Kiew befand sich damals in einem sehr schlechten Zustand. Es war die ärmste der drei Städte, die Agnes Leib auf ihrer Abenteuerreise besuchte. Die Strassen waren in einem schlechten Zustand und die Leute waren arm. Einen ganz anderen Eindruck hingegen machte Leningrad, das heutige St. Petersburg. Die Stadt war gepflegt, mit wunderbaren Häusern und einem eleganten Baustil. Die Kirchen waren faszinierend und auch der Fluss Newa mit den vielen kleinen Brücken machte einen romantischen Eindruck. Abends gab es so lange Licht, dass man selbst um 23:30 noch die Zeitung im Freien lesen konnte. Bis heute hat die Stadt einen bleibenden Eindruck auf Frau Leib gemacht. Auch Moskau war schön, aber nicht so wie Leningrad.

Ein zweites Mal reiste sie 1992 nach Russland, um mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis nach Peking zu fahren. In Erinnerung geblieben sind ihr die sibirische Weite, die Dörfer mit den schönen Häuschen und die Birkenwälder. Im Zug war auch auf dieser Reise wieder so Einiges verrostet und zu essen gab es jeden Tag Kohlsuppe und ein einfaches Fleisch.

Auch sonst ist Agnes Leib viel in der Welt herumgekommen. In Europa hat sie einige Länder besucht und auch nach Lybien ist sie gekommen. Dort hat sie den Fuss auf afrikanischen Boden gesetzt, Wanderdünen beobachtet und den Balkon gesehen, wo Gadafi seine Reden hält. Aber kein anderer Ort übt so eine Anziehung, so eine magische Kraft, auf sie aus wie Russland. Die Ukraine war einst ein Teil dieses grossen Reiches, auch wenn das Land heute unabhängig ist.

Helfen ist eine moralische Verpflichtung

Agnes Leib unterstützt die Menschen in der Ukraine, weil sie sich dazu verpflichtet fühlt. „Wir leben hier im Luxus“, sagt sie, „und andere Menschen sind arm und haben so wenig.“ In der grossen Ungerechtigkeit der weltweiten Verteilung der Güter sieht sich auch eine Aufgabe: „Ich habe genug und daher fühle ich mich verpflichtet, den anderen etwas zu geben“, erklärt sie. Am Schluss gibt sie den Spendern noch einen Rat:„Die persönlichen Bittbriefe aus der Ukraine berühren und machen betroffen, aber auch ziemlichen Druck. Trotzdem: Man muss auch einmal Nein sagen können, obwohl ich das selber auch nicht so gut kann. Ich jedenfalls werde SOS GERASJUTA weiterhin unterstützen.“

Sind Sie auch eine Spenderin oder ein Spender bei SOS Gerasjuta und wollen Ihre Erfahrungen mit unserer Leserschaft teilen? Wir würden gerne über die grosszügigen Menschen berichten, welche uns die Arbeit in der Ukraine ermöglichen. Sind Sie interessiert? Dann melden Sie sich bei:
SOS GERASJUTA, Badenerstrasse 263,
8003 Zürich
.

LEITTHEMEN.................................